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„Ist noch Tee da?“
Eine Frage, deren Beantwortung mit einem Blick auf die Teekanne in der Küche eindeutig war und nur eines einzigen Wortes bedurfte.
„Ja.“
Damit war für mich der Sachverhalt geklärt.
Für meinen Gesprächspartner offensichtlich nicht, denn bei der Rückkehr ins Wohnzimmer wurde ich mit den Worten „Du Stiesel“ empfangen.
Ich konnte mir nicht erklären, warum ich ein Stiesel sein sollte, hatte ich die mir gestellte Frage doch schnell und korrekt beantwortet.
Was hatte ich falsch gemacht?
Ich wusste es nicht.

„Warum hast du den Tee denn nicht mitgebracht?“
Weil mich niemand darum gebeten hatte.
„Ich habe doch extra gefragt, ob noch Tee da ist.“
Diese Frage hatte ich auch korrekt beantwortet.
„Warum hätte ich sonst danach gefragt?“
Das wusste ich nicht. Für mich war es nicht mehr als eine Frage, die darauf ausgerichtet war, eine Information darüber zu erhalten, ob sich noch Tee in der Kanne befände, welche in der Küche auf dem Tisch stand.
„Da muss ich doch dann nicht noch zusätzlich darum bitten, dass du den Tee mitbringst.“
Doch. Denn in der Frage war die Bitte, den Tee mitzubringen, nicht enthalten.
„Das hättest du dir doch denken können.“
Nein, das hätte ich nicht.
Für mich steckte hinter diesen vier Worten nicht mehr als die Bitte um eine Information.
Eine Aufforderung konnte ich dem Satz nicht entnehmen.
Aufgrund welcher Tatsache sollte ich davon ausgehen, dass hinter der Frage, ob noch Tee da sei, gleichzeitig die Bitte stand, falls noch Tee da sei, diesen dann gleich mitzubringen?

Hinter vielen Fragen befinden sich versteckte Aufforderungen, die der wörtlichen Interpretation des Satzes nicht zu entnehmen sind. Diese zwischen den Zeilen heraus zu lesen, ist mir in den meisten Fällen unmöglich, weil ich gar nicht davon ausgehe, dass sich hinter einer simplen Frage möglicherweise eine Bitte oder Aufforderung verstecken könnte.

Als Beispiel möchte ich die folgende Frage meiner Mutter aufgreifen, die sie mir täglich stellte, wenn ich aus der Schule kam:
„Habt ihr Hausaufgaben auf?“
In den meisten Fällen war meine Antwort ein kurzes „Ja“ und das Gespräch für mich damit beendet. Ich wusste nicht, dass hinter dieser Frage gleichzeitig auch die Aufforderung stand, meine Hausaufgaben im Anschluss an den Dialog sofort zu erledigen.
Kam meine Mutter einige Zeit später ins Kinderzimmer und sah, dass ich spielte, statt an meinem Schreibtisch zu sitzen, folgte häufig die Frage, ob ich denn schon fertig sei?
Fertig womit?
„Mit deinen Hausaufgaben natürlich.“
Nein, damit hatte ich nicht einmal begonnen.
„Ich habe dich doch eben danach gefragt?“
Nur danach, ob wir welche aufbekommen hätten.
„Du weißt genau, was ich damit sagen wollte.“
Nein ,das wusste ich nicht. Woher auch?
Aus der mir gestellten Frage konnte ich keine Bitte entnehmen, mich gleich an meine Hausaufgaben zu geben. In dieser Situation wäre zu meinem Verständnis genau wie in der vorher beschriebenen Szene eine separate Aufforderung wichtig gewesen. Präzise Anweisungen hätten helfen können, Missverständnisse zu verhindern. Aber niemand wusste um meine Schwierigkeiten. Zu dem Zeitpunkt hätte ich sie selber nicht artikulieren können.

Manchmal wurde mir in Fällen wie diesen sprachliche Pedanterie vorgeworfen.
Manchmal sogar ein beabsichtigtes Missverstehen.

Dabei halte ich mich mich immer nur exakt an das gesprochene bzw. geschriebene Wort, welches aus meiner Sicht dem (faktischen) Austausch von Informationen dient.
Sobald die Informationsebene in der Kommunikation verlassen wird, kann es zu Verständnisschwierigkeiten kommen, da das Wort möglicherweise seine wortwörtliche Bedeutung verliert oder ein Zwischen-den-Zeilen-Lesen-Können erforderlich wird.

Meine Sprache ist sehr direkt und ehrlich, was leider immer wieder zu Missverständnissen führt, weil Gesprächsteilnehmer nicht ausschließlich auf der Informationsebene kommunizieren und meine Worte nicht nur wortwörtlich verstehen, obwohl sie genauso gemeint sind.
Ich begreife dann nicht, warum sich jemand durch meine Worte verletzt fühlt, wo dies gar nicht von mir beabsichtigt war.

Das macht Kommunikation schwierig – sowohl im Verstehen als auch im Verstandenwerden.