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Er kommt wieder einmal zu spät. Das geschieht beinahe täglich.
Deshalb gehe ich schon eine Viertelstunde früher aus dem Haus.
Trotzdem kann ich mich nicht daran gewöhnen.
Ich brauche Pünktlichkeit. Unpünktlichkeit macht mich nervös.
Ich laufe auf und ab gegen das Warten.
Morgens sind viele Menschen auf dem Bahnsteig. Mitten im Berufsverkehr.
Zu viele Menschen und zu viele Geräusche.
Trotz der Ohrstöpsel.
Ich muss ausweichen.
Der Mann neben mir stinkt nach Lederjacke und Zigaretten.
Der rote Sekundenzeiger der Bahnhofsuhr läuft gegen die Pünktlichkeit.
Kurz vor der 12 bleibt er für wenige Sekunden stehen, damit der Minutenzeiger vorrücken kann. Schon zum vierten Mal über die fahrplanmäßigen Ankunftszeit.
Unten auf der Straße steht die Müllabfuhr.
Ich nehme sie wahr, ohne hinzusehen.
Es ist das typische Geräusch des Müllwagens, welches beim Entleeren der Tonnen entsteht. Wie ein lautes Stöhnen.
Wenn der Zug nicht bald kommt, werde ich zu spät ins Büro kommen.
Zu spät – zu spät – zu spät.

Ein weiteres Mal hat der Sekundenzeiger die 12 erreicht.
Durch den Lautsprecher ertönt die Ansage, dass sich der Zug um etwa zehn Minuten verspäten wird. Das sind noch fünf Sekundenzeigerrunden. Und was bedeutet „etwa“?
Sind das mehr oder weniger als zehn Minuten? Wie soll ich mich darauf einstellen?
Mein Gang wird schneller – auf und ab, auf und ab. Immer wieder.
Unruhe steigt in die Hände.
Warum kommt die S-Bahn nicht?
Ich will nicht mehr warten.
Es wird immer voller auf dem Bahnsteig.
Und lauter.
Eine Gruppe Schulkinder kommt die Treppe hinauf.
Kreischend. Schreiend.
Meine Ohren. Ich muss mir die Ohren zuhalten.
Obwohl der Lärm durch die Ohrstöpsel bereits um 15 Dezibel reduziert wird.
Es ist zu laut. Viel zu laut.
Das Schreien und der Handyklingelton direkt hinter mir hämmern in meinem Kopf.

Der rote Sekundenzeiger hat gerade eine weitere Runde vollendet und bleibt kurz stehen.
Ich zähle die Sekunden bis der Minutenzeiger einen Strich vorrückt.
Noch drei Mal wird sich dieser Vorgang wiederholen, wenn ich das „etwa“ nicht berücksichtige.
Aber dieses „etwa“ macht die Ankunft des Zuges unvorhersehbar.
Ich werde zu spät kommen, sicher werde ich zu spät kommen.
Wenn die Autobahn nicht so voll gewesen wäre, hätte ich den früheren Zug erreicht.
Morgen werde ich noch eher aus dem Haus gehen und meinen Plan umstellen müssen.
Aber ich will heute pünktlich sein.
Ich muss pünktlich sein.
Sonst ist meine ganze Tagesstruktur zerstört.
Die linke Hand flattert und schlägt mit dem Ballen gegen meinen Oberschenkel.
Unkontrollierbar.
Ich schimpfe vor mich hin, während mein Gang immer schneller wird.
Die Schulkinder rennen umher.
Ich muss schon wieder ausweichen.
Ihrem Geschrei und der Gefahr, dass sie mich anrempeln könnten.
Niemand sagt ihnen, dass sie aufpassen und Rücksicht auf die wartenden Fahrgäste nehmen sollen.
Ruhe – ich brauche dringend Ruhe.
Aber ich werde zu spät ins Büro kommen und keine Ruhe in mir finden.