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„Wir telefonieren.“
Mit diesen Worten hatte sie sich – nachdem sie in ihr Auto gestiegen war – von mir verabschiedet und den Parkplatz verlassen.
Von einem Moment auf den anderen war sie nicht mehr da.
Ich hatte versucht, mir ihr Gesicht einzuprägen, ihre Stimme, irgend etwas von ihr.
Nichts war geblieben – nichts, außer dem Inhalt des Gesprächs, der sich nahezu wortwörtlich in meinen Gedanken manifestiert hatte.
Worte – jede Menge Worte.
Leblose Worte.
Worte, die keine Nähe erzeugten, weil ihre Stimme dazu fehlte oder ein Bild, welches sie hätte greifbar machen können.

Sie war nicht mehr da und somit war jegliches Gefühl von Nähe verschwunden.
Nähe muss unmittelbar sein, nicht lediglich ein Gedankenkonstrukt.
Sonst spüre ich sie nicht.
Selbst, wenn ich an die gemeinsam verbrachten Stunden dachte, so waren sie doch lediglich Vergangenheit und damit ein abgeschlossenes Kapitel. Und genau dort befand sie sich, in jenem Stück Erleben, welches vorbei war und niemals Teil der Gegenwart sein konnte.
In mir breitete sich ein diffuses Gefühl von Nähelosigkeit aus.
Ich wusste nicht einmal, wann ich sie wiedersehen würde.
So gab es nichts, woran ich mich festhalten konnte.
Kein Wiedersehensmuster.
Ohne Muster keine Struktur und ohne Struktur keine Sicherheit.
Nur eine unverbindliche Aussage.

„Wir telefonieren.“
Ein Satz, der sich nicht festlegen wollte.
Ein Satz voller Ungewissheit, der mir Angst machte, sobald er in meinen Gedanken auftauchte.
Würde sie anrufen und wenn, wann genau würde das sein?
Wie lange würde ich warten müssen?
Am liebsten hätte ich sie gleich nach dem Datum und der exakten Uhrzeit gefragt.
Dürfte ich sie anrufen, wenn mir das Warten unerträglich war?
Machten diese beiden Worte überhaupt einen Aussage darüber, wer wen anzurufen an der Reihe sei und wenn nicht, wer würde darüber entscheiden?
Ich hätte gerne eine Vorlage gehabt, an der ich mich orientieren konnte.
Warum waren die meisten Menschen nicht bestrebt, solche Dinge von vorne herein festzulegen, um Missverständnissen vorzubeugen und Unsicherheit zu vermeiden?

Ich war zutiefst verunsichert, weil es auf meine vielen Fragen keine Antwort gab.
Die Nähelosigkeit wuchs mit jedem Tag, der verging, ohne sie gesprochen zu haben.
Ihre Stimme würde Nähe wieder herstellen können – zumindest für den Augenblick des Telefongesprächs.
Aber ich wagte nicht, sie anzurufen – zumindest nicht ohne einen konkreten Anlass.
Worüber hätte ich mit ihr sprechen sollen, wenn nicht über das einzige Thema, welches uns zu diesem Zeitpunkt verband?
Ich war nicht geschickt darin, Gespräche zu führen, die nicht dem Informationsaustausch zu einer bestimmte Thematik dienten.

Also wartete ich.
Wartete, während sich Nähelosigkeit immer schwerer über den Alltag legte.
Wartete, ohne zu wissen, wann dieses Warten ein Ende haben würde.
Wartete, weil sie mir von der ersten Begegnung an wichtig war und ich Nähe doch nicht spüren konnte, sobald ich sie nicht mehr unmittelbar wahrnahm.
Nähe erklärt sich mir nur logisch. Sie muss greifbar sein – sehend oder hörend.

Nähe schien unerreichbar.
Dabei wünschte ich mir so sehr, dass sie meine Freundin sein würde.