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Bis heute weiß ich nicht, woher dieser Ausdruck stammt, habe seine übertragene Bedeutung allerdings bereits sehr früh kennengelernt, weil ich seit meiner Kindheit prädestiniert dafür war – ohne es zu wissen – in beinahe jedes Fettnäpfchen zu treten.

Als Kind war es mir fremd, dass es Dinge gibt, über die man besser nicht reden sollte.
Ich sprach meine Gedanken offen aus, unabhängig von der Person, die mir gegenüberstand und begriff nicht, warum es dann häufig hieß, ich sei frech oder habe eine loses Mundwerk.
Ich wollte niemand mit meinen Worten verletzen. Ebenso wenig verstand ich, warum andere manchmal über mich lachten, wo meine Worte doch nicht lustig sein sollten, sondern genauso gemeint waren, wie ich sie gesagt hatte. Ich wusste nicht, dass Worte neben ihrer wortwörtlichen Bedeutung noch eine ganz andere Aussage haben können und dass Menschen in der Regel die Fähigkeit besitzen, zwischen den Zeilen zu lesen. Mir fehlt diese Fähigkeit und somit ein wichtiges Mittel der Kommunikation. Diese Tatsache hat bis heute unbeabsichtigt immer wieder zu Missverständnissen geführt und mich, ohne dass ich es gemerkt habe, in so manches Fettnäpfchen treten lassen.

Erst die Reaktion meiner Mitmenschen zeigte mir häufig, dass ich etwas Falsches gesagt haben musste, wenn ich auch nicht wusste, welches Wort oder welcher Satz mein Gegenüber möglicherweise verletzt haben konnte. Oftmals wusste ich nicht einmal, dass ich einen Fehler gemacht hatte und verstand nicht, warum sich Menschen von mir distanzierten oder sich mir gegenüber plötzlich anders verhielten.
Bis heute ist das Zwischen-den-Zeilen-Lesen für mich eine Fremdsprache, zumal es sich häufig Mitteln der nonverbalen Kommunikation bedient, die ich in der Regel gar nicht oder nur in seinem sehr begrenzten Umfang überhaupt wahrzunehmen vermag.

Ebenso bereitet mir der Gebrauch von Metaphern und ironischen Äußerungen Probleme.
Zwar bin ich in der Lage, mir Sprachbilder oder Ironie wie Vokabeln einer Fremdsprache anzueignen, doch sobald sich der Kontext ändert, fehlt mir die Fähigkeit, die übertragene Bedeutung weiterhin zu erkennen.

Ein Beispiel:

Es regnet. Jemand sagt zu mir: „Ist das nicht ein wunderschönes Wetter?“
Da Regen von den meisten Menschen nicht als schönes Wetter angesehen wird, habe ich gelernt, dass diese Äußerung dann ironisch gemeint ist und genau das Gegenteil aussagen soll.
Wunderschön bedeutet also in diesem Zusammenhang hässlich oder furchtbar.
In einer anderen Situation sieht jemand eine Frau mit einem auffällig bunten Kleid und sagt zu mir: „Ist das nicht ein wunderschönes Kleid?“
Da es hier keine Regel gibt und die Schönheit eines Kleidungsstückes Geschmacksache und damit individuell verschieden ist, habe ich keine Richtlinie, an der ich mich orientieren könnte und greife somit automatisch erst einmal auf die wortwörtliche Bedeutung des Wortes „wunderschön“ zurück, auch, wenn die Aussage in diesem Fall ebenso ironisch gemeint war.

Hierzu sei angemerkt, dass es mir wesentlich leichter fällt, selber ironische Bemerkungen zu machen, als ironische Äußerungen anderer zu erkennen und zu verstehen.
Das hängt im Wesentlichen damit zusammen, dass ich mich nicht in die Gedanken anderer Menschen hineinversetzen kann.
Auf Grund dessen fehlt mir auch die Fähigkeit zu unterscheiden, ob jemand etwas im Spaß gesagt oder ernst gemeint hat, was immer wieder zu Missverständnissen und unangemessenen Reaktionen führt, da ich jede Äußerung grundsätzlich ernst nehme und mich dementsprechend verhalte.

Des weiteren sind meine Naivität und die Unfähigkeit, mich in andere Menschen hineinzuversetzen und mein Verhalten dementsprechend anzupassen, oft ein Anlass dafür, immer wieder in ein Fettnäpfchen zu treten. So kann es passieren, dass ich einem Menschen, der gerade eine traurige Nachricht erhalten hat, fröhlich begegne und ihm etwas Lustiges erzähle, weil ich die Traurigkeit dieses Menschen nicht spüre und diese weder in seinem Gesichtsausdruck noch in seiner Körperhaltung erkennen kann.
Mein in dieser Situation unangemessenes Verhalten hat aber weder mit Taktlosigkeit noch mit mangelnder Anteilnahme zu tun, sondern resultiert lediglich aus der mangelnden Fähigkeit, Mimik und Gestik zu deuten und daraus auf die emotionale Verfassung eines Menschen schließen zu können.

Es ist mir keinesfalls gleichgültig, wenn ich in ein Fettnäpfchen trete und damit möglicherweise einen Menschen kränke oder verletze. In gleicher Weise mache ich mich dadurch auch lächerlich oder falle in einer Art und Weise auf, die mir unangenehm ist und mich wieder und wieder mit meinem unbeabsichtigten Fehlverhalten konfrontiert.

Während ich dies früher in vielen Fällen gar nicht wahrgenommen habe, führt es heute immer häufiger dazu, dass ich in meinem Verhalten verunsichert bin und mich daraus resultierend lieber zurückziehe als unwissentlich wieder etwas falsch zu machen, ohne es im Vorfeld durch eine exakte Analyse der Situation, welche mir durch die Unfähigkeit, soziale Signale lesen zu können, nicht möglich ist, verhindern zu können.