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Der soziale Alltag ist gekennzeichnet von der Unvorhersehbarkeit bevorstehender Ereignisse und komplexer, nicht festgelegter Handlungsabläufe.
Unvorhersehbarkeit verlangt Flexibilität im Denken und Handeln. Flexibilität bedeutet, sich zeitnah auf Veränderungen einstellen und anpassen zu können, sich von Verhaltensmustern zu trennen und nach alternativen Lösungsmöglichkeiten zu suchen. Zusätzlich beinhaltet Flexibilität die Fähigkeit, spontane Entscheidungen zu treffen oder bereits getroffene Entscheidungen zu revidieren. Folglich setzt sie ein permanentes Umdenken voraus und steht so im Gegensatz zu der Stabilität eines routinierten und im Voraus geplanten und strukturierten Tagesablaufs.
Aber genau jener verschafft mir die notwendige Sicherheit bei der Bewältigung des beruflichen und privaten Alltags, in dem er mir Verhaltens- und Handlungsmuster vorgibt, an denen ich mich orientieren und festhalten kann. Spontane Änderungen hingegen machen den Tagesablauf unberechenbar und lösen Unsicherheit, Verwirrung und Angst aus.

Spontaneität wird bezeichnet als die unmittelbare Bereitschaft, sich auf Neues und Unbekanntes einzulassen. Für mich stellt sie jedoch gerade durch ihre Unmittelbarkeit ein unüberbrückbares Hindernis dar, welches mir die Grenzen meiner Handlungsfähigkeit aufzeigt. Sie verhindert zugleich ein kontinuierliches Festhalten an Routinen und damit die Stabilität eines im voraus geplanten, strukturierten Alltags, bei dem jede Abweichung zu einer oft nicht oder nur schwer zu bewältigenden Herausforderung wird.

Spontane Änderungen im Tagesablauf rufen bei mir durch den Verlust von Sicherheit stereotype Verhaltensweisen hervor, die durch ihre ständige Wiederholung und Monotonie die verlorengegangene Struktur wieder herstellen.

Hierzu ein Beispiel:

Auf dem Weg von der Arbeit nach Hause fällt die S-Bahn aus – ein unvorhersehbares Ereignis, welches mit einer spontane Änderung des Tagesablaufs einhergeht und flexibles Handeln (20 Minuten Wartezeit auf dem Bahnsteig) verlangt. Für mich stellt dies eine Situation dar, mit der ich  überfordert bin, weil sie die Struktur des Tagesablaufs durchbricht und mich zu einem Handeln zwingt, auf welches ich nicht vorbereitet bin (das Warten und damit verbunden das zu späte Eintreffen zuhause). Es entsteht eine große innere Unruhe, begleitet von affektiven Reaktionen, die dazu führt, dass ich auf dem Bahnsteig auf und ab gehe oder, wenn dieser in der Mittagszeit sehr voll ist, mich auf der Stelle im Kreis bewege und dabei leise Selbstgespräche führe. Durch diese stereotype Verhaltensweise und deren permanente Wiederholung erhält die unvorhergesehene und nicht eingeplante Wartezeit eine Struktur und lässt sich wieder in den Tagesablauf einbauen. Je monotoner und intensiver die Bewegunsstereotypien in der Ausführung sind, desto schneller verringert sich die innere Unruhe und desto eher verschwinden die affektiven Reaktionen (Wut, Angst etc.).

Aus dem gleichen Grund verzichte ich auch in meinem Beruf auf spontane Änderungen im Arbeitsablauf. So erledige ich die täglichen Arbeiten im Büro immer in der gleichen Reihenfolge.
Jede Abweichung erzeugt Stress und führt zu einer großen, inneren Unruhe.
Diese erfolgt zum Beispiel immer dann, wenn ich Urlaubsvertretung für eine Kollegin oder einen Kollegen machen muss und damit Dinge anfallen, die im üblichen Tagesablauf nicht enthalten sind. Die Folge waren früher eine innere Anspannung verbunden mit Kopf- und Nackenschmerzen und Schlaflosigkeit, die dazu führten, dass ich mich am liebsten hätte krank schreiben lassen. Heute setze ich mich mit der Problematik auseinander, weil ich den Grund dafür kenne und mich entsprechend darauf vorbereiten kann.
Das heißt, ich baue Arbeiten, die mit der Urlaubsvertretung verknüpft sind, im voraus in den Tagesablauf ein, wodurch eine Variante entsteht, die ich dann im konkreten Fall (Urlaub oder Krankheit von Kolleginnen bzw. Kollegen) abrufen und anwenden kann.
Mit dem Vorhandensein dieser Varianten habe ich mir eine begrenzte Flexibilität geschaffen, die mich vor einer Überforderung durch spontane Änderungen schützt und es mir ermöglicht, mich auch bei plötzlichen Ausfällen von Kollegen oder Kolleginnen der neuen und unvorhergesehenen Situation anpassen zu können.