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Manchmal tickt die Armbanduhr, die – wenn ich nicht unterwegs bin – immer neben meinem Laptop auf dem PC-Tisch liegt, so laut, als schlüge jemand mit einem Hammer im Sekundentakt auf die schmale Holzplatte. Immer und immer wieder dringt das Geräusch sich endlos wiederholend in meinen Kopf und setzt sich darin fest, während ich versuche, meine Konzentration auf die Zeilen in dem Buch, welches ich gerade lese, zu fokussieren.
Die einzelnen Worte ergeben keinen Sinn, solange das ständig lauter werdende Ticken vorherrscht. Viele Menschen können störende Geräusche mit Hilfe eines Reizfilters einfach ausblenden. Ich weiß nicht, wie das funktionieren soll, es sei denn, es gäbe einen Schalter, den ich wie beim Radio oder Fernsehen betätigen könnte, um die Lautstärke zu regulieren.
Aber ein solcher existiert nicht – weder für das Ticken der Armbanduhr noch für das Brummen des Kühlschranks oder das unerträgliche Geräusch von Halogenlampen.
Stattdessen strömt dies alles permanent auf mich ein, ohne dass ich die Möglichkeit hätte, es ausblenden zu können.

Ähnlich geht es mir, wenn mehrere Menschen gleichzeitig reden. Ich kann die Stimme der Person nicht herausfiltern, mit der ich mich gerade unterhalte und die anderen ausblenden, sondern ich höre alle Stimmen parallel, was dazu führt, dass ich nur noch ein Durcheinander an Geräuschen wahrnehme und keine einzelnen Worte mehr.
Eine Gesprächsführung wird infolgedessen unmöglich.
Weil ich in einer solchen Situation nichts mehr verstehen kann und selber immer lauter rede, um zumindest meine Stimme noch wahrnehmen zu können, lag eine Zeit lang die Vermutung nahe, ich sei schwerhörig. Außerdem wurde mir manchmal, wenn ich mich aus den für mich anstrengenden und nicht nachvollziehbaren Gesprächen zurückzog, Unhöflichkeit und Desinteresse vorgehalten. Beides traf nicht zu – weder die Schwerhörigkeit noch ein Desinteresse an der Kommunikation, sondern nur die Unfähigkeit, Reize zu filtern und Wichtiges von Unwichtigem abzugrenzen zu können, um mich auf eine einzige Stimme zu konzentrieren.
Erst heute, wo ich den Grund für meine Besonderheiten in der Wahrnehmung kenne, kann ich offen damit umgehen und meine Mitmenschen darüber informieren, um Missverständnissen vorzubeugen und bei wichtigen Gesprächen schon im Vorfeld für eine geräuscharme Umgebung zu sorgen.

Um eine Reizüberflutung zu vermeiden, trage ich seit ein paar Monaten Ohrstöpsel mit einem Lärmschutzfilter, der die Lautstärke um 15 dB verringert.
Viele Situationen sind dadurch erträglicher geworden wie zum Beispiel Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Besuche von Einkaufszentren und die Arbeit im Großraumbüro.
Auch während des Schlafs hilft das Tragen von Ohrstöpseln (Ohropax), störende Geräusche wie das Brummen des Kühlschranks oder den Straßenlärm auszuschalten. Denn nur bei absoluter Stille gelingt es mir überhaupt, zur Ruhe zu kommen und einzuschlafen.

Trotzdem kann es immer wieder zu einer Überforderungssituation kommen, gerade, weil das Leben in einer Großstadt prinzipiell laut und reizüberflutet ist und sich Lärm nicht immer vermeiden oder sofort abstellen lässt und nicht überall eine Rückzugsmöglichkeit vorhanden ist.

Erste Anzeichen für einen Overload sind:

  • Das Zuhalten der Ohren in extremen Lärmsituationen
  • Der Verlust von Aufmerksamkeit und Konzentration bis hin zur Handlungsunfähigkeit
  • Eine innere Unruhe, welche sich durch einen erhöhten Bewegungsdrang äußert
  • Kratzen am Kopf oder an den Armen
  • Migräne ähnliche Kopfschmerzen
  • Plötzlicher, scheinbar grundloser Rückzug
  • Schimpfen, wiederholte, verbale Unmutsäußerungen, möglicherweise im Selbstgespräch
  • Extreme Abwehrhaltung bei taktilen Reizen
  • Lautes Schluchzen, begleitet von Zittern am ganzen Körper

Gegenmaßnahmen:

  • Alleinsein
  • Abstellen der Lärm bzw. Reizquellen
  • Vermeidung oder Verlassen reizüberfluteter Situationen
  • Vermeidung zusätzlicher Reize wie Berührungen (tröstendes Umarmen etc.)
  • Rückzug in einen reizarmen, möglichst abgedunkelten Raum
  • Rückzug in die eigene Welt oder in mich selbst (mentale Abwesenheit)
  • Schlaf

Früher fiel es mir sehr schwer, mit dieser Problematik umzugehen, kannte ich doch weder die Ursache für meine Hypersensibilität – insbesondere die der hier beschriebenen akustischen Wahrnehmung – noch war ich in der Lage, die Anzeichen einer bevorstehenden Reizüberflutung zu deuten, um rechtzeitig auf entsprechende Gegenmaßnahmen zurückgreifen zu können.
Ich habe mich für meine Wahrnehmungsstörungen geschämt und versucht, sie zu ignorieren oder zu verdrängen. Wie hätte ich auch erklären sollen, warum Kinderlärm für mich unerträglich ist oder das Ticken der Armbanduhr manchmal zur Qual wird?
Das war aus Sicht meines sozialen Umfelds nicht normal und so hielt ich es für besser, zu schweigen. Es gab einfach keine andere Erklärung für mein Anderssein, als dass ich manchmal zu seltsamen Verhaltensweisen neigte.

Noch heute stoße ich damit bei manchen Menschen auf Unverständnis und auf Aussagen, dass ich mich nicht so anstellen solle oder dass es anormal sei, so empfindlich auf Geräusche zu reagieren, die viele Menschen nicht einmal wahrnähmen. Aber glücklicherweise gibt es auch Menschen, die meine Hypersensibilität respektieren und – so weit es möglich ist – Rücksicht darauf nehmen.
Aus diesem Grund halte ich es für sehr wichtig, offen mit der Diagnose Asperger-Syndrom umzugehen und meine Mitmenschen darüber aufzuklären, auch, wenn das nicht immer leicht ist.