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Vor ein paar Wochen sagte ich auf einer Party zu einer Frau, dass ich Smalltalk hasse, da finde ich sogar Staubsaugen besser.
„Sie haben sicher ein bisschen Asperger!“, antwortete die Frau.
Das sei wie Autismus, nur anders.
Asperger, das klingt doch eher wie eine Mineralwassermarke.
Seitdem höre ich das Wort ständig.
Asperger ist zurzeit offenbar das, was vor ein paar Jahren Borderline war, davor Hochbegabt, davor Depressionen und davor der Ödipuskomplex. Wenn du wichtig bist, musst du es haben, zumindest ein bisschen.

So beginnt ein Artikel im Tagesspiegel vom 13.02.2010 mit dem Titel „Berlinale die Zweite“, in dem es um den Bollywood-Film „My name is Khan“ geht, welcher bei der diesjährigen Berlinale außer Konkurrenz vorgestellt wurde.

Mit Entsetzen habe ich diese Zeilen gelesen. Ich finde es sehr beschämend, in welcher Art und Weise sich in den wenigen Sätzen über eine Behinderung lustig gemacht wird, die – und da möchte ich aus meinem Kommentar zu dem Artikel zitieren „das Leben der Betroffenen zum Teil erheblich einschränkt“.

Seit Jahren bemühen sich Betroffene und deren Angehörige, sowie Fachleute und Therapeuten darum, Autismus in der Öffentlichkeit bekannter zu machen und dadurch eine bessere Integration und Akzeptanz innerhalb der Gesellschaft zu erreichen. Aufklärung tut Not, weil sich immer noch viel zu viele Mythen und Halbwahrheiten über Autismus verbreiten und hartnäckig halten, die den Betroffenen die Bewältigung des Alltags und die Integration in eine nicht-autistische Gesellschaft zusätzlich erschweren.

Das Asperger-Syndrom ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung und keine Modekrankheit, derer man sich einfach einmal bemächtigen kann, um wichtig und „in“ zu sein.
So etwas kann nur jemand schreiben, der nicht selber betroffen ist und tagtäglich mit den vielen Einschränkungen und der oft mangelnden Akzeptanz innerhalb der Gesellschaft leben und zurechtkommen muss.
Man kann das Asperger-Syndrom auch nicht nur ein bisschen haben. Wenn man es hat, dann ein Leben lang. Es lässt sich nicht einfach einmal für ein paar Stunden ablegen und benutzen wie ein modisches Accessoire.

Leider vermitteln Artikel wie der oben zitierte aber den Eindruck, als handele es sich bei dem Asperger-Syndrom lediglich um eine Modeerscheinung, die irgendwann wieder von selbst verschwindet oder durch neuere ersetzt wird und nicht um eine ernstzunehmende, tiefgreifende Entwicklungsstörung, welche betroffene Menschen wie mich, ein Leben lang begleitet.

Wie sollen Menschen, die um eine sachliche Aufklärung innerhalb der Gesellschaft kämpfen, angesichts solcher Artikel, die in der Regel von einem viel breiteren Publikum gelesen werden, noch ernst genommen werden, wenn sich die Medien das Recht nehmen, sich lustig machen zu dürfen auf Kosten autistischer Menschen?

Und Herr Martenstein vom Tagesspiegel ist nicht der Einzige, der sich in einer solch beschämenden Weise über das Asperger-Syndrom äußert.

Am 30. Januar 2010 schrieb Frau Hille-Priebe in einem Artikel „Quoten-Rüpel statt Vorbild“  in der Neuen Westfälischen:

US-Psychologen, die das amerikanische Vorbild „American Idol“ untersucht haben, kommen zu dem Schluss, dass viele Bewerber eine krankhaft gestörte Selbstwahrnehmung haben. Die Wissenschaftler sind der Frage nachgegangen, warum sich besonders talentfreie Menschen so häufig als Superstar bewerben und sehen Parallelen zum Asperger-Syndrom, einer milden Form des Autismus.

Angesichts einer solchen Berichterstattung fehlen mir einfach die Worte.