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Die Tatsache, dass ich anders war, manifestierte sich nicht nur in meiner Selbstwahrnehmung.
Je älter ich wurde, desto häufiger sah ich mich mit zum Teil verletzenden Äußerungen meiner Mitschülerinnen, aber auch mit entsprechenden Bemerkungen meiner Eltern und deren Freunde, die in einem engen Verhältnis zu unserer Familie standen, konfrontiert.
Noch schlimmer als Worte empfand ich allerdings das ausgrenzende Verhalten, zumal mir die Beweggründe damals unverständlich waren.

Im Sportunterricht wurde ich immer als Letzte in eine Mannschaft gewählt, worunter ich sehr litt. Es tat weh, in der Turnhalle zu stehen und zu warten, bis der eigene Name endlich aufgerufen wurde und offensichtlich niemand erfreut war, mich im Team zu haben.
Ich war ihnen nicht schnell und beweglich genug und hatte Schwierigkeiten mit der Koordination bei Ballspielen. Außerdem ließ ich aus Angst, von meinen Mitschülerinnen angerempelt zu werden, den Ball bei Angriffen fallen, um den mir unangenehmen Körperkontakt zu vermeiden.
Doch auch bei den anderen Sportarten wie Boden-und Geräteturnen stand ich abseits, da ich viele der Übungen nicht ausführen konnte oder mich aus Angst davor verweigerte.
In den übrigen Schulfächern war ich bei den Klassenbesten, was mich aber auch nicht beliebt machte, sondern meinen Außenseiterinnenstatus noch verstärkte.
Viele Mitschülerinnen nannten mich Brillenschlange oder Streberin.
Manchmal lachten sie über mich, weil ich mich ungeschickt bewegte und dabei – wie sie behaupteten – komisch aussah. Oder sie amüsierten sich über meine Naivität und nutzten diese aus.

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an einen Vorfall, der sich in der Grundschulzeit ereignete.
Ich ging mit den Kindern aus der Nachbarschaft einmal wöchentlich in die nahegelegene, katholische Grundschule zum Kinderturnen. Meine Mutter hatte mich dort angemeldet, weil auch die Tochter ihrer Freundin dort hinging und sie zudem der Meinung war, dass mir das Turnen helfen könnte, etwas beweglicher zu werden und meine Tollpatschigkeit zu verlieren.
Eines Tages hatten die Kinder einen Plan geschmiedet, bei dessen Ausführung ich ihnen helfen sollte. Ich war stolz darauf, dass sie mir eine Aufgabe übertrugen und willigte ein.
Auf dem Weg zur Schule kamen wir an einem Haus vorbei, in dem man vom Bürgersteig aus durch das geöffnete Fenster in einen Keller hineinschauen konnte. Dort saßen ein paar dunkelhaarige Männer, die sich laut in einer mir fremden Sprache unterhielten.
„Das sind Spaghettifresser.“, sagte eines der Kinder. Ich hatte keine Vorstellung davon, was mit dem Wort gemeint sein könnte und dass es eine Beleidigung für Italiener war.
Die Kinder sagten mir, meine Aufgabe sei es, lediglich dieses Wort im Vorbeigehen in den Keller hinein zu rufen. Ich tat, was sie mir gesagt hatten, denn ich wollte eine von ihnen sein und nicht – wie beim Turnen – ausgelacht werden.
Sobald ich das Wort laut in den Keller gerufen hatte, rannten die anderen Kinder mit großem Gelächter davon und ließen mich vor dem Haus alleine stehen. Die wütende Reaktion der Männer machte mir Angst und ich wusste in dem Moment, dass ich etwas Falsches gemacht haben musste. Dieser Vorfall hatte zur Folge, dass ich mich wochenlang nicht traute, an dem Haus vorbei zu gehen. Die ersehnte Anerkennung bei den Nachbarskindern war auch ausgeblieben, ganz im Gegenteil, sie machten sich lustig darüber, dass ich so blöd war und nicht gewusst hatte, dass „Spaghettifresser“ eine Beleidigung und damit etwas war, was man nicht sagen durfte.

Ich war auch diejenige, die sich die Kinder beim Mäuschenklingeln aussuchten, weil ich, da ich nicht besonders schnell laufen konnte, fast immer dabei erwischt wurde und sie dann ihren Spaß hatten, wenn die Nachbarn mit mir schimpften. Weigerte ich mich, dann drohten sie mir damit, dass ich nicht mehr mit ihnen spielen durfte. Ich wäre sowieso lieber in meinem Zimmer geblieben und hätte gelesen, aber meine Eltern schickten mich fast täglich nach den Hausaufgaben auf die Strasse zum Spielen, damit ich kein Stubenhocker würde.

Als ich in die Pubertät kam, beschloss ich, nicht mehr mit den Nachbarskindern zu spielen, sondern lieber auf meinem Zimmer bei meinen Büchern zu bleiben. Ich wollte nur noch mit Menschen zusammen sein, die mich akzeptierten, so, wie ich war, und mich nicht ständig hänselten. Zuhause hatte ich mir in Gedanken Freundinnen geschaffen, mit denen ich, wenn ich in meinem Zimmer alleine war, sprach und denen ich meine Ängste anvertraute. Auch, wenn sie nicht wirklich existierten, fühlte ich mich in ihrer Gegenwart geborgen und zog mich immer häufiger in meine Welt zurück.

Die wenigen Versuche meiner Mutter, mich doch wieder zu den Kindern auf die Strasse zu schicken, damit ich die Stunden am Nachmittag nicht ständig alleine sei, scheiterten, weil ich mich strikt weigerte. Die Mädchen standen sowieso nur noch auf der großen Treppe zum Pfarrsaal und sprachen mit den Jungs in einer Weise, die mir völlig unverständlich war. Da hätte ich – unabhängig davon, dass ich die Zeit lieber mit meinen „Freundinnen“ verbrachte – nie dazugehören können und wollen, weil mir dieses Verhalten eigenartig und fremd erschien.