Realität versus Schönrederei
Die Meinungen darüber, ob Autismus – speziell das Asperger-Syndrom – eine Behinderung ist, gehen sehr weit auseinander. Viele AutistInnen sehen sich nicht als behindert und lehnen die Beantragung eines Schwerbehindertenausweises ab. Andere bezeichnen Autismus sogar als die nächsthöhere Stufe der Evolution – eine Behauptung, mit der ich mich gar nicht identifizieren kann und die ich zudem als sehr überheblich empfinde. Ich bin kein besserer oder in der Evolution höher gestellter Mensch, weil ich Autistin bin.
In den USA gibt es eine Gruppe von Asperger-AutistInnen, die sich gegen die Änderung im DSM-V, alle Formen des Autismus in Autismus-Spektrum-Sörungen zusammenzufassen, gewehrt haben, weil sie nicht als AutistInnen gesehen werden wollen, sondern lediglich als Nerds oder hochbegabte Freaks.
Manche Eltern autistischer Kinder nennen ihre Kinder besonders, in der Esoterik werden sie sogar zu Kristallkindern erklärt. In meinen Augen ist das Schönrederei einer Realität, die diese Menschen nicht wahrhaben wollen. Kristallkind hört sich halt besser an als zu sagen, dass man ein autistisches oder ein behindertes Kind hat. Und wenn sich einige AutistInnen einer höheren Stufe der Evolution zugehörig beschreiben, klingt das – zumindest aus ihrer Sicht – auch besser als behindert zu sein.
Die Diagnose und die damit verbundenen Schwierigkeiten, sich in einer nichtautistischen Welt zurechtzufinden, bleiben dennoch gleich. Egal ob Kristallkind, einer höheren Stufe der Evolution zugehörig oder behindert.
AutistIn bleibt AutistIn. Daran ändert auch Schönrederei nichts.
Im Gegenteil. Oftmals hindern blumige Worte daran, eine möglicherweise notwendige Unterstützung zu bekommen.
Der Schwerbehindertenausweis – Hilfe oder Stigmatisierung?
Warum wollen Eltern einerseits einen Schwerbehindertenausweis für ihre autistischen Kinder, wehren sich aber andererseits dagegen, dass ihr Kind als behindert bezeichnet wird? Das ergibt für mich keinen Sinn. Ich habe einen Schwerbehindertenausweis beantragt, weil ich Unterstützung in Form von Eingliederungshilfe brauche, die ich ohne dieses Dokument nicht bewilligt bekäme. Dass ich Inhaberin eines solchen Ausweises bin, bedeutet aber doch nicht, dass ich einen Stempel „Ich bin behindert“ auf der Stirn habe. Niemand ist verpflichtet, seinen Schwerbehindertenausweis offen und für alle sichtbar mit sich herumzutragen oder überall vorzuzeigen. Und es wird auch niemand gezwungen, einen solchen Ausweis nur auf Grund einer Autismus-Diagnose zu beantragen. Dies ist lediglich ein Kann, kein Muss. Man sollte bei der Entscheidung für oder gegen einen Schwerbehindertenausweis sowohl die Vorteile als auch mögliche Nachteile abwägen.
Leider werden aber auch in Zeiten der Inklusion Behinderte immer noch ausgegrenzt.
Behinderung, so scheint es mir, ist etwas, was den in Menschen Angst oder sogar Abwehr erzeugt und sie in ihrem Verhalten unsicher macht. Oft wird Behinderung sogar als Schimpfwort missbraucht. „Du bist doch behindert.“ ist nicht Feststellung einer Tatsache, sondern eine abfällige Äußerung, die nur dazu dient, den Anderen zu beleidigen. Daran ändert auch die Änderung der Bezeichnung im Rahmen der Politischen Korrektheit von Behinderter zu Mensch mit Behinderung nichts. Außerdem bin ich kein Mensch mit Autismus oder mit Behinderung, sondern eine Autistin. Ich trage meinen Autismus bzw. die Behinderung ja nicht als Anhängsel mit mir herum.
Geistige oder seelische Behinderung?
Bei der sozialrechtlichen Zuordnung wird unterschieden zwischen einer geistigen Behinderung bei frühkindlichen AutistInnen und einer seelischen Behinderung bei Asperger-AutistInnen. Diese Deklarierung ist falsch. Frühkindliche AutistInnen sind nicht grundsätzlich geistig behindert. Wenn zusätzlich zu der Autismus-Diagnose eine geistige Behinderung vorliegt, dann sind diese Menschen mehrfach behindert.
Das Asperger-Syndrom ist eine neurobiologische und keine seelische Behinderung.
AutistInnen haben eine andere Wahrnehmungsverarbeitung im Gehirn. Mit der Psyche hat das nichts zu tun. Das sind Begrifflichkeiten, die immer wieder zu einem Missverstehen führen und nicht dazu beitragen aufzuklären darüber, was Autismus ist.
Selbst in den Medien wird Autismus wiederholt als geistige Behinderung beschrieben, weil Journalisten nicht gründlich recherchieren oder aus nicht fachlich fundierten Quellen zitieren.
Darüber ärgere ich mich besonders. Denn ein falsch vermitteltes Bild schafft Vorurteile und führt zur Stigmatisierung autistischer Menschen auf einer breiten Ebene, da durch die Medien viele Menschen erreicht werden. Auch gerade jene, die sich mit Autismus nicht auskennen und in deren Köpfen sich eine solche Aussage aus einem Nichtwissen heraus festsetzt.
Barrieren behindern
Ich bin der Meinung, es sollte jedem Menschen selber überlassen werden, ob und inwieweit er sich behindert fühlt. In vielen Fällen ist es so, dass man erst durch eine Gesellschaft behindert wird, die immer neue Barrieren schafft bzw. vorhandene Barrieren nicht beseitigt. Denn es sind die Barrieren, die behindern, die autistische Menschen und alle Menschen, die als behindert gelten, an einer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Teilhabe hindern.
Und genau da sollte aus meiner Sich Inklusion ansetzen – an der Beseitigung dieser Barrieren, um allen Menschen eine Teilhabe an der Gesellschaft und am Arbeitsleben zu ermöglichen.
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Hallo Sabine, ich freu mich so auch bei Dir wieder lesen zu können. Ich hab es sehr vermisst, und ich möchte Dir “Danke” sagen, dass Du auch noch immer bei uns reinschaust.
Dein Post spricht mir gleich so aus dem Herzen. Irgendwie ist bei den Diagnosen nichts richtig, nichts falsch ….Robert gilt als geistig behindert, weil er hat frühkindlichen Autismus. Und nun ist er aber seit Wochen Tag für Tag am lernen, erkennt Zusammenhänge, wächst über sich hinaus. Die Diagnose bleibt so, er wird es nicht erlaubt bekommen in eine ander Schule zu gehen, als die zur geistigen Förderung. Und da steckt er fest … sogar der Lehrer sagt inzwischen, dass der Robert andere Angbote, Förderungen braucht. Die können sie ihm dort nicht geben… ein fürchterlicher Kreislauf.
Sein Allgemeinwissen übertrifft so oft im Alltag das Wissen von Jugendlichen die älter sind als er. Das lernt er nicht in der Schule, das eignet er sich selber Tag für Tag durch offene Ohren an. Aber es zählt nicht. Für die schulische Bildung wären Noten in Deutsch, Mathe etc. wichtig und das einzigste was zählt. Da kann er nicht mithalten, also bleibt es dabei: geistig behindert!
Seelisch leidet er am allermeisten, je älter er wird, desto mehr erkennt er, dass er abschoben wird. Also macht unser Systhem im Lande zur geistigen Behinderung ein seelisches Leiden dazu.
Doch wir werden weiter diesen schweren Weg gehen, mit Behindertenausweis für das Kind, weil es wenigstens da klitzekleine Vorteile gibt.
Doch nun wünsche ich Dir einen schönen Sonntag, hier ist alles weiss, die Sonne lässt den Schnee glitzern.
liebe Grüsse
Elisabeth
Liebe Elisabeth,
es ist so ungerecht, dass Robert als geistig behindert abgestempelt wird auf Grund seiner Diagnose frühkindlicher Autismus. Nicht alle frühkindliche AutistInnen sind geistig behindert. Wenn sie es sind, liegt eine Mehrfachbehinderung vor. Durch diesen Stempel werden ihm von vorneherein so viele Chancen verwehrt, weil er schulisch nicht adäquat gefördert werden kann. Mich macht das traurig und wütend. Robert fühlt sich zurecht abgeschoben, denn nichts anderes macht dieses Schulsystem mit autistischen Kindern. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Und wenn die Kinder ihre Frustration dann äußern – verbal oder durch auffälliges Verhalten, dann sind die Eltern Schuld, dann wird die Erziehungsfähigkeit angezweifelt. Niemals das Schulsystem oder die Stigmatisierung frühkindlicher AutistInnen, geistig behindert zu sein.
Liebe Grüße in den Schnee
Sabine
Hallo Elisabeth,
Dein Beitrag könnte auch von uns sein und spricht mir aus dem Herzen. Unser Sohn (10 J.) ist auch Kanner Autist und besucht eine G-Schule. Alle anderen Schulen haben ihn abgelehnt. Er fühlt sich nicht wohl da und trotzdem haben wir keine Alternative.
Vielleicht ist geteiltes Leid halbes Leid und meine Worte helfen Dir ein wenig. Ihr steht nicht alleine da.
Liebe Grüße v. Susanne
Es ist doch alles eine Frage der Sichtweise, wie man sich fühlt.
Sicher wird man von einerlei Leuten erst einmal Oberflächlich als Behindert angesehen. Wenn man sich jedoch “selbst” irgendwie mal selbst “eingliedern” möchte und vielleicht daran scheitert, aufgrund eben des anderssein. Ist man dann behindert? Kann man die Behinderung vielleicht sogar als Ausrede ansehen?
Auf der anderen Seite kann man natürlich dann wieder sagen man fühlt sich ausgegrenzt, was nicht aber gleich mit einer Behinderung gleichzusetzen ist.
Ist man dann aber vielleicht doch wieder “behindert”, aufgrund der Diagnose vielleicht? Sei es nur ein Selbstschutz der da einen gegeben wird.
Wenn ich mich versuche einzugliedern derzeit. Meine “Kompetenz” angesehen wird bzw. “geschätzt” wird. Ist das ja alles schön und gut.
Doch wenn ich darüber hinaus “scheitere”. Privat eben auch was machen möchte, anecke durch das “andere Sein”.
Je nach Charakter und Wunsch von einem, kann man im Extremfall auch daran eben leiden. Wenn ich dann wieder daran “leide”, bin ich dann wieder “mehr” Behindert?
Es geht in dem Fall nicht darum von vorne rein ausgeschlossen zu sein. Man passt eben da nicht zu und da passt man nicht zu… Das hat keine Gesellschaftliche Hintergrund zwingend sondern ist von jedem Individuell geprägt (und durch paar viele Faktoren, aber diese Diskussion mag ich jetzt nicht führen gerade), von dem Charakter.
Wobei einen da einen der SBA auch wieder nichts bringt, da ich aber gerade wieder den Titel lese… Doch aber vielleicht für andere “übertrieben” gesagt als “Behindert” angesehen werden kann.
“Anders” und anders ist für jeden wieder was anderes und wie ich derzeit wieder merke, stark “Stimmungsabhängig”.
Kommentar hat einen starken Selbstbezug gerade aber egal…
Gruß
Javen
Hallo Sabine, Lesende!
“Seele oder Geist” – ich habe jahrelang gesucht – um für mich eine Deutung für Seele und Geist zu finden – irgendwas woran ich festhalten kann, wenn mir die Worte begegnen. Erst die eigene Deutung gibt mir eine Sicherheit, mit der Verwendung dieser Worte durch andere um-zu-gehen, um sie in ‘meine Welt’ einsortiert zu bekommen.
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Es ist gaanz einfach und ich erwarte natürlich nicht, dass andere sich meiner Interpretation anschließen – sie ist für mich – trotzdem möchte ich sie mitteilen, vielleicht hilft es anderen. Ich beschreibe meinen Weg dort hin ..
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Wir lernen, dass Körper – Seele – Geist sich im Einklang befinden sollen – das Modell KSG – Körper, Seele, Geist scheint allgemein anerkannt. Körper war mir klar – die Physis, die Physik, das Materielle – das ich habe, das ich mehr oder weniger bewegen kann (und pflegen sollte;-).
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Das Wort Seele begegnete mir oft dort, wo Psyche gemeint zu sein schien .. Körper ~ Physis – Seele ~ Psyche .. das erschien mir logisch und klar zu sein; so habe ich es gelernt und (für mich) fest gemacht. ABER was sollte nun eine Entsprechung für Geist sein?? Zumal mir geistig und seelisch in der Anwendung der Worte verwechselbar erschien? Und ist nicht schon durch Körper+Seele | Physis und Psyche alles Notwendige umfassend beschreibbar?
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Ich fand meine Lösung auf der Suche nach dem Geist im Wort “Begeisterung”. Etwas/jemand begeistert – oder ich bin begeistert von .. Begeisterung scheint übertragbar, ansteckend zu sein. Und eben dort fand ich den Geist – der wirkt. Ausgehend von etwas Körperlichem (Form) – von Etwas, das beseelt zu sein scheint .. und danach strebt zu wirken, wenn es passt .. und sich freut, wenn die Übertragung etwas Schönes bewirkt und Anwendung (Funktion) findet.
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Also dachte ich – Mensch, gibt es (nicht) ein P-Wort, dass zu Psyche und Physis passt? Wenn der Geist das Wirken ist, von Körper & Seele ausgehend .. und ich fand “Polis” – als Wort, als Ausdruck für die Äußerung von Körper und Seele zu Geist – als Ausdruck für die Äußerung der Psyche und der Physis: die Polis – als Wirken auf Etwas – “Polis – das öffentliche Wirken”.
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Das ist ein Ergebnis aus meiner wohl weniger Asperger-Autistischen als
Schizoiden Welt. Vielleicht ist es hilfreich bei der Frage nach geistiger oder seelischer ‘Behinderung’, Erweiterung oder Konzentration.
Alles Gute ist Liebe
maxen