Schlagwörter
Asperger-Syndrom, Autismus, Interpretieren, Kommunikation, Missverstehen, Sprache, Unsicherheit
Immer wieder fehlt Worten Verlässlichkeit.
Ich frage mich, wie die Menschen mit so vielen ungenauen Worten im Alltag zurechtkommen können. Ich kann es nicht.
Unsichere Worte geben keinen Halt. Sie führen ständig zu einem Missverstehen und zu Problemen in der Kommunikation. Das erlebe ich jeden Tag und empfinde es oft als sehr belastend. Weil es Kraft kostet und in der Konsequenz immer wieder dazu führt, dass ich schweige und mich zurückziehe, weil mich die fehlende Verlässlichkeit der Worte verunsichert und mir ein Kommunizieren unmöglich macht.
Oder ich frage nach. Immer und immer wieder, bis ich eine verlässliche Antwort erhalte. Aber das mögen viele Menschen nicht, das ständige Wiederholen von Fragen. Meinen drängender Wunsch nach sicheren Worten. Obwohl ich das nicht mache, um andere zu ärgern, sondern weil ich verstehen will – sie verstehen will.
Weil sichere Worte für mich die Basis sind für Kommunikation und das Funktionieren sozialer Kontakte. Vertrauen zu einem anderen Menschen kann nur entstehen, wenn seine Worte klar sind und Sicherheit geben. Wenn ich mich darauf verlassen kann.
Ich kann nicht „zwischen den Zeilen“ lesen und Aussagen in Worte hinein interpretieren.
Ich verstehe wörtlich. Und genauso kommuniziere ich auch.
Laut Diagnosekriterien für Autismus wird das als qualitative Beeinträchtigung in der Kommunikation bezeichnet.
Ich selber fühle mich aber gar nicht beeinträchtigt in meinen kommunikativen Fähigkeiten. Im Gegenteil. Meine Sprache ist präzise und unmissverständlich.
Ich benutze keine unsicheren Worte. Niemand muss in meine Worte etwas hinein interpretieren, weil es nichts hinein zu interpretieren gibt.
Aber die meisten Menschen suchen nach Bedeutungen „zwischen den Zeilen“.
So, als existiere das wortwörtliche Wort nicht, als bedürfe dieses grundsätzlich einer zusätzlichen, subjektiven Interpretation. Und genau das verkompliziert Kommunikation und führt immer wieder zu einen Missverstehen untereinander. Genauso wie der ständige Gebrauch ungenauer Worte. Worten, denen Verlässlichkeit fehlt. Die auf Grund ihrer fehlenden Sicherheit immer einer zusätzlichen Interpretation bedürfen. Oder einem ständigen Wiederholen und Nachfragen, um eine präzise Aussage zu erhalten.
Sind es aus diesem Grund nicht vielmehr die nichtautistischen Menschen, die in ihrer Kommunikationsfähigkeit beeinträchtigt sind, weil sie mehr Zeit verbringen mit dem Versuch, Worte zu interpretieren und “zwischen den Zeilen” zu lesen als sich auf das zu konzentrieren, was wirklich gesagt wird? Weil ihre Sprache aus vielen unsicheren Worten besteht, die nicht verlässlich sind und keinen Halt geben.
Weil diese Form der Kommunikation ständig zu Missverständnissen führt und resultierend daraus zu Problemen innerhalb sozialer Beziehungen.
Es sind zwei konträre Sprachen, die der AutistInnen und die nichtautistischer Menschen. Zwei Sprachen, die sich gleicher Worte bedienen, diese aber unterschiedlich einsetzen und häufig anders verstehen. Missverstehen. Nicht verstehen.
Aus dem Missverstehen oder Nicht-verstehen resultiert die Unsicherheit im Umgang miteinander. Und auf Grund der Unsicherheit ziehe ich mich häufig zurück. Schweige.
Nicht aus Desinteresse oder Unhöflichkeit. Sondern aus Unsicherheit.
Liebe Sabine,
“Sind es aus diesem Grund nicht vielmehr die nichtautistischen Menschen, die in ihrer Kommunikationsfähigkeit beeinträchtigt sind, weil sie mehr Zeit verbringen mit dem Versuch, Worte zu interpretieren und “zwischen den Zeilen” zu lesen als sich auf das zu konzentrieren, was wirklich gesagt wird?”
Naja, eigentlich nicht: Es ist ja nicht so, als müßte man unter Neuro-Typischen ständig wild herumraten und stundenlang analysieren, was denn möglicherweise gemeint sein könnte – das tun nur verknallte Frauen nach den ersten Dates
Normalerweise besteht über das “Nicht-Ausgesprochene”, das “Zwischen-den-Zeilen-stehende” ja auch so eine Art Konsens, so daß man schon weiß, was da gemeint ist oder noch mitschwingt…
Ich kann mir aber gut vorstellen, daß es jemandem, der gern alles wörtlich und sachbezogen kommuniziert, bisweilen so vorkommen muß… ich bin zwar NT (oder zumindest nie auf was anderes untersucht worden), ecke mit meiner Art, “zu sagen, wie´s ist”, auch öfter mal an, oder verstehe nicht so recht, wenn Kritik sehr euphemistisch-weichgespült daher kommt… “Das-und-das war echt Scheiße” ist nun mal was anderes als “naja, das war vielleicht nicht so gut”… damit hab´ ich dann hin und wieder Probleme, wenn mir jemand sagt, das etwas “vielleicht nicht so gut” war, während er in Wirklichkeit “vollkommen unakzeptabel” meint. Wenn das gemeint ist, soll er´s bitte auch so sagen, denn sonst stellt er mich ja mit denen, die einfach “nicht so gut” waren, auf eine Stufe, und das kann´s ja wohl nicht sein…?! I
ch halte das aber nicht speziell für neuro-typisch oder autistisch, sondern habe diesbezügliche Unterschiede eher im kulturellen Kontext kennengelernt: Amerikaner reden Tacheles, Japaner nähern sich dem Punkt, um den es geht, in konzentrischen Kreisen, aber nur bis zu einer gewissen Distanz, näher ´ran auf keinen Fall, und die Deutschen hängen irgendwo dazwischen…
Lieben Gruß,
Dorothea
Super, aber das gilt doch für alle. Kommunikation auf die ehrliche Basis gestellt. Mir fehlt das auch oft. Die eNTen erzählen sonstwas, kommen aber nicht auf den Punkt (RW) .
Ich liebe ehrliche Aussagen.
Ich kann mich da nur anschließen – das hast du wirklich sehr gut beschrieben. Das “Hineininterpretieren” der anderen und die daraus resultierenden Unterschiede im Gebrauch von Worten…immer wieder schwierig, auch in meinem Alltag. Deshalb bin ich wohl auch so gerne im Internet unterwegs – weil’s da einfacher ist.
Weißt du, welcher Gedanke mir gerade kommt? Dass es schön ist, dass die Kommunikation zwischen dir und deinem Sohn zumindest nicht so missverständlich ist wie mit einem Großteil vom Rest der Welt, weil ihr beide die Dinge einfach wort-wörtlich benennt – mit Sicherheit ein ganz großer Vorteil für deinen Sohn, gell?
gut beschrieben. Danke.