Erschöpft bin ich, so sehr erschöpft, dass ich ich keine Erleichterung oder Freude mehr spüre angesichts positiver Veränderungen in meinem Alltag.
Immer noch brennen meine Augen von dem Wunsch, weinen zu können, dem das Wasser für die Tränen fehlt. Das Fühlen bleibt in mir, findet keinen Weg aus dem Innen-Sein. Bleibt dem Außen verschlossen und der Wahrnehmung der Menschen um mich herum.
Sie sehen nichts von meiner Erschöpfung und davon, dass ich meine Belastbarkeitsgrenze ständig überschreite, weil mich das Außen überfordert. Weil es mich erdrückt.
Meine Erschöpfungsworte reichen nicht aus. Sie bleiben unsichtbar.
Zeigen sich nicht auf meinem Gesicht oder in meinem Verhalten.
Wie soll ich sie begreifbar machen, die Erschöpfung, wenn meine Worte nicht erklären können, was in mir ist? Wie kann ich sie sichtbar machen, damit sie für das Außen existiert?
Ich weiß nicht, wie sich das Befinden eines Menschen von seinem Gesicht ablesen lässt.
Ich kann nicht viel in Gesichtern lesen. Nur in Büchern. Worte sind das, was ich verstehe und womit ich mich ausdrücken kann. Nicht Blicke oder die Sprache des Körpers.
Ich sehe Menschen nicht an, wie es ihnen geht. Auch Menschen nicht, die mir vertraut sind.
Ich kann es nur ihren Worten entnehmen. Präzisen Worten, die nicht umschreiben oder ein Zwischen-den-Zeilen lesen-können voraussetzen.
„Man muss Sie schon sehr gut kennen, damit man merkt, dass es Ihnen schlecht geht.“
Wie soll ich es auch aus meinem Innen-Sein nach Außen transferieren, wenn nicht mit Worten? Ich weiß es nicht.
Warum braucht es eine Bestätigung meiner Erschöpfungsworte durch ein
Sie-mir-anmerken-können, Sie-meinem-Gesicht-ablesen-können?
Warum sind sie für das Außen nicht da, wenn man sie mir nicht ansieht?
Oder nur die Menschen sie sehen können, die mich sehr gut kennen.
Wie machen sie sich für die Menschen, die mich sehr gut kennen, nach außen hin bemerkbar?
Und wo?
In meinem Gesicht, an meinem Körper oder meinen Bewegungen?
Es fällt mir selber schwer, die ersten Anzeichen einer Erschöpfung in mir wahrzunehmen.
Sie ist plötzlich da und dann in einer Heftigkeit, die mein Innen-Sein überrennt.
Aber sie findet keinen Weg nach draußen. Sie bleibt in mir.
Bleibt in mir, weil ich funktionieren muss.
Und so lange ich funktioniere, sieht niemand, wie erschöpft ich bin.
Solange ich funktioniere, bleiben Worte unsichtbar, weil sich die Erschöpfung nicht in meinem Verhalten zeigt oder in Tränen, die nicht kommen, weil mir das Wasser zum Weinen fehlt.
Weil ich mich dem Außen gegenüber nicht so verhalte, wie sich ein Mensch verhält, der erschöpft ist. Mein Verhalten entspricht nicht dem üblichen Bild, wobei ich nicht einmal weiß, wie ich mich verhalten müsste, um dem üblichen Bild zu entsprechen.
Ich weiß nicht, wie mich die Menschen wahrnehmen.
Ich spüre nur, dass ihre Wahrnehmung eine andere ist als meine.
Dass ihnen offensichtlich vieles von mir verborgen bleibt.
Dass sie Worte auch sehen wollen. Nicht nur hören.
Und dass es für viele Menschen eine Übereinstimmung braucht zwischen einem
ausgesprochenen Gefühl und seiner Sichtbarkeit, um dieses annehmen und als existent akzeptieren zu können.
Ich sitze ihm gegenüber und versuche, mein Befinden präzise in Worte zu fassen.
Erschöpfungsworte.
Ich weiß nicht, ob er sie versteht. Ob er mich versteht und nicht versucht, aus meinen Worten etwas zu lesen, was nicht darin steht. Wenn wir einander nicht verstehen, weiß ich, dass wir auf verschiedenen Ebenen miteinander kommunizieren.
Das geschieht häufig. Vielleicht liegt es daran, dass ich meine Gefühle sachlich schildere und nicht auf der emotionalen Ebene? Vielleicht erkennt er deshalb meine Erschöpfung nicht, weil Erschöpfung emotionaler ist, als ich sie in Worte fassen kann?
Möglicherweise ist es die Emotionalität von Worten, die sie nach außen hin sichtbar macht.
Dass ich eine emotionale Reaktion zeigen muss, wenn ich davon spreche, erschöpft zu sein, weil sich die meisten Menschen nur anhand sichtbarer gewordener Gefühle ein Bild von davon machen können, wie es mir geht.
Die sachliche Schilderung führt offensichtlich zu einem Missverstehen meines Befindens ebenso wie das Funktionieren im Alltag, welches gerade jetzt so viel Kraft kostet, dass ich immer schneller erschöpft bin und meine Augen schon am Morgen brennen nach einer fast schlaflosen Nacht.
Ich weiß nicht, wie lange ich es noch schaffe zu funktionieren.
Ich weiß auch nicht, was geschieht, wenn ich nicht mehr funktioniere.
Nicht mehr funktioniere, weil ich zu erschöpft bin, weil alles zu viel ist und mich selbst Kleinigkeiten überfordern.
So, wie das Gespräch mit ihm, welches mich überfordert, weil er die Erschöpfungsworte nicht versteht und in meinem Verhalten danach sucht. Aufstehen möchte ich und gehen. Alleine sein. Die Augen schließen. Für einen Moment nicht funktionieren müssen, sondern einfach nur sein. Ich sein. Auch wenn das Ich-Sein autistischer wird, je erschöpfter ich bin, weil das Anpassen dann nicht oder nur sehr schlecht funktioniert.
Autistisch zu sein schützt mich davor, dass mich der Alltag noch mehr überfordert.
Denn es ist nicht das autistische Sein, welches mich erschöpft, sondern die permanente Anpassung an eine nichtautistische Welt und die Erwartung zu funktionieren, als sei ich nicht autistisch.
Sabine bist du eigentlich geoutet oder nicht?
ich merke dass ich seit meiner diagnose lockerer bin bei den menschen die es wissen. die anspannung und erschöpfung lässt nach – ich darf ich sein – trotz allem versuche ich mich “angemessen” zu verhalten. aber ich mache halt bei besuchen pause ich gehe mal für 10min raus usw. das wurde vorher nicht wirklich akzeptiert – inzwischen wird es unterstützt.
dort wo es keiner weiss, Arbeit usw. ist es schon schwierig. aber seit ich es weis finde ich auch dort möglichkeiten zur ruhe zu kommen und um hilfe zu fragen. da ich mir keine gesichter merken kann werden alle hereinkommenden personen per namen genannt und so entfällt der stress den ich habe weil ich sie nicht kenne. ich gebe auch zu dass mir ein paar situationen nicht liegen. trotz allem wissen sie nichts
natürlich sind solche situationen die du beschreibst schwierig bis unmöglich zu umgehen aber ich würde, wenn sie es wissen, darauf hinweisen und um hilfe bitten dass man gemeinsam die unterstützung für deinen sohn ansucht. dass man dir eventuell einiges abnimmt. geht so etwas?
mfg
M., ich gehe mit meiner AS-Diagnose sehr offen um, weil ich der Meinung bin, dass ich mein autistisches Sein nicht verstecken muss. In vielen Situationen erlebe ich das auch als sehr hilfreich. Gerade bei Menschen, die mich als Autistin kennen gelernt haben. Schwieriger ist es bei jenen, die mich lange kennen und die mit der Diagnose überfordert sind, nichts anzufangen wissen oder sie gar in Frage stellen.
“Du warst doch früher nicht so.”
Ich habe mir Unterstützung, wie das Betreute Wohnen und eine Therapie eingefordert und sehe darin eine große und hilfreiche Erleichterung im Alltag.
Dennoch muss ich funktionieren, schon alleine wegen der sehr kräfteraubenden Schulproblematik meines ebenfalls autistischen Sohnes. Da kann ich nicht einfach sagen “Ich kann nicht mehr”. Dann wird mir gleich Erziehungsunfähigkeit unterstellt, was zuletzt sogar dazu führte, dass vermeintliche Fachleute – zum Glück ohne Erfolg – eine Fremdunterbringung für meinen Sohn gefordert haben.
Folglich darf ich meinen tatsächlichen Erschöpfungszustand gar nicht preisgeben. Muss sogar die Erschöpfungsworte mit Bedacht wählen und mögliche Konsequenzen bedenken.
Dieser Druck ist es, der mich erschöpft, weil er mich täglich nicht nur an meine Grenzen bringt, sondern weit darüber.
Und in diesen Stresssituationen ziehe ich mich ganz in mein autistisches Sein zurück, weil nur dieses mir Schutz gibt und Sicherheit, weil ich dann Stereotypien brauche, um mich zu beruhigen und Halt zu finden.
das ist natürlich wahr. du musst schon alleine für deinen sohn “funktionieren”
den satz: du warst doch früher nicht so. höre ich auch oft. und wenn ich dann sage ich lebe es jetzt nur aus dann wird mir vorgeworfen dass ich autismus als ausrede benütze um ein feineres leben zu haben
Hallo Sabine. Ich bin auch Autistin, Asperger.
))
1. Es gibt keinen Grund dich für deine Andersartigkeit zu schämen. Du brauchst es mit dir in gewohnter Umgebung deine Ruhe zu haben und Routine schafft Ordnung. Das ist völlig normal für Asperger. Ich bin absolut unspontan und stehe dazu.
2. Der Erschöpfungszustand wird vermutlich mehrere Gründe haben.
Bei unerkannten Aspergern, die erst im erwachsenen Alter ihre Diagnose bekommen, liegt oft eine Depression vor, weil sie häufig – aufgrund der Andersartigkeit – in ihrer Jugend gemobbt wurden etc.! Dazu sei gesagt: Die Anderen sollten sich schämen, nicht das Mobbing Opfer!
Wir können uns schwer von anderen Menschen abgrenzen, ist zumindest bei mir so. Die “schwappen einfach mit ihren Problemen in mich hinein”. Was anstrengt. Die Erwartungen, die Andere an uns stellen, strengen Asperger zusätzlich an. Wir können sie nicht erfüllen. Dazu sind wir aber auch gar nicht da. Es ist völlig in Ordnung, anders zu sein, Sabine. Wir sind eben unüblich.
3. DU BIST NICHT DAZU DA DIE ERWARTUNG ANDERER MENSCHEN ZU ERFÜLLEN!!!
Es macht auf Dauer krank, immer die Erwartung Anderer erfüllen zu wollen, weil du dich dabei übersiehst.
4. Autismus sieht man nicht!!! Andere finden uns vielleicht unverschämt, weil wir uns sozial ungeschickt verhalten, oder oder. Sie kennen aber auch nicht die Ursache für dieses Verhalten. Es existiert ja kein optisches Merkmal, an dem sich Autismus fest macht.
Am Besten fährt man, meiner Erfahrung nach, wenn man gradlinig ist. Wenn man es nicht mimisch ausdrücken kann, sagen!
Beispiel:
Fremder Gast auf Party zu mir: “Das war ironisch gemeint”
Ich: ” Ironie weiß ich als Autistin nicht immer zu deuten. Und das war keine Entschuldigung, sondern eine Erklärung.”
Nichtautisten missdeuten den fehlenden Zugang zu Ironie oft als Dummheit. So gibt es im Alltag viele Situationen, in denen man Nichtautisten erklären muss, was mit einem los ist.
5. Deine Mimik muss sich für Andere nicht bemerkbar machen. Es kann sein, dass du zu einer Emotion eine gesellschaftlich unübliche Mimik aufsetzt.
Nein, deine sachliche Ausdrucksweise wird nicht der Grund sein. Logik ist jedem zugänglich. Nur – oft kann ein Nichtautist die Erlebniswelt eines Autisten nicht nachvollziehen. Und uns ist oft nicht klar, wo wir unüblich sind, weil wir unsere Andersartigkeit zwar durch unsere Umwelt spüren, aber man selbst findet sich ja ganz normal. Um die Unterschiede beurteilen zu können, müsste man einmal Nichtautist und einmal Autist gewesen sein. Dann wüsste man´s.
Guck genauer hin, wenn du aneckst. Wo unterscheidet sich dein Verhalten von Nichtautisten und dann erklär´s, so gut es geht. Mehr Rat weiß ich auch nicht. Kopf hoch.
Eine Nachteule
Ich schäme mich nicht dafür, anders zu sein, Nachteule. Ich bin erleichtert, nach 47 Jahren endlich den Grund für mein Anderssein erfahren zu haben.
Aber du hast Recht – ich versuche immer noch, die Erwartungen der anderen zu erfüllen, auch, wenn ich damit überfordert bin. Das zu ändern, wird sicher ein langwieriger Prozess sein, weil es bedeutet, mich von jahrzehntelanger Anpassung zu lösen und meine Bedürfnisse zu beachten, auf mich zu achten und mich nicht mehr zu übersehen.
Ich wünsch dir einfach einen innen-zur-ruhe find Ort und im Außen wünsche ich dir Menschen die in den Worten nach Be-deutungen suchen und nicht in den anderen 48 000 Möglichkeiten des ” verstehens ” versuchen zu interpretieren
Ich hoffe nicht, dass es 48.000 Möglichkeiten des Verstehens gibt. Das hieße gleichzeitig, dass es 48.000 Möglichkeiten des Missverstehens gibt. Warum verlassen sich Menschen nicht auf das Wort – und zwar auf dessen wortwörtliche Bedeutung?
Interpretationen stellen immer eine subjektive Sicht dar, die nicht ausschließlich auf Fakten basiert, sondern zusätzlich zwischen den Zeilen liest und somit die Informationsebene in der Kommunikation verlässt.
“Warum verlassen sich Menschen nicht auf das Wort – und zwar auf dessen wortwörtliche Bedeutung?”
Weil das “Betriebssystem”, das auf unsere genetische Festplatte geschrieben ist, flapsig ausgedrückt, noch aus der Steinzeit stammt, und ein paar Updates fehlen. Was sind ein paar Jahrzehnte Zivilisation gegen Jahrmillionen? Das erleichtert nicht Ihre Situation, das ist mir klar – aber vielleicht macht es das Verstehen, WARUM es so schwer ist, ein wenig leichter?
Liebe Dorothea,
als Nicht-Autistin kann ich Dir nur zum Teil Recht geben. Natürlich gibt es diese Tussen, die mit ihrem Getue manipulieren, und es gibt Leute, die solche Signale brauchen, um überhaupt etwas wahrzunehmen.
Das aber ist das eigentliche Problem.
Im “Normalfall” reden wir über erwachsene Leute – eben meist Nicht-Autisten, bei denen man einen gewissen Blick über sich selbst heraus erwarten können müsste. Sie lassen ja auch Kinder nicht verhungern und spenden für streunende Katzen. Ein Minimum an Empathie oder ein Minimum an Wahrnehmung, dass andere Leute tatsächlich auch existieren oder zumindest ein Minimum an Zuhören, sollte bei nicht-autistischen Erwachsenen vorhanden sein, sonst würde keiner für (sozial-) pädagogische Berufe taugen. Ich erlebe es aber oft, dass Leute es so gewohnt sind, z.B. bei mir ein offenes Ohr für sich selbst zu finden, dass es der reine Egoismus ist, der sie antreibt, gar nicht hinhören zu WOLLEN bzw. sie es sogar empörend finden, wenn sie mal nicht “gefüttert” werden. Statt Empathie kommt dann egoistischer Protest, weil sie es gar nicht wirklich erleben, dass andere Menschen auch mal bedürftig sein könnten. Dass das so ist, muss ich akzeptieren, Verständnis haben, das muss ich nicht dafür. Was ich tun muss, ist besser für mich zu sorgen. Das ist schon für Nicht-Autisten schwer, für Sabine noch viel mehr.
Inge
Liebe Inge,
ich redete eigentlich weniger von Manipulation, sondern eher von “Drückebergerei”. Wobei das eine gern zum anderen führt, da sind wir uns einig.
Sie erwarten völlig zu Recht Empathie – Ihr Beispiel von Kindern und Katzen unterstützt jedoch eher meine Theorie der non-verbalen Signale, werden doch bei beiden (hungernden Kindern und streunenden Katzen) andere Reize vermittelt als das gesprochene Wort.
Wie schon weiter oben erwähnt, funktioniert der Mensch nach einer Programmierung, die einige Jahrmillionen alt ist und für die heutigen Lebensverhältnisse noch lange nicht adaptiert. Mit Auswirkungen davon schlagen wir uns alle täglich herum, ob im Geschlechterkampf, im Straßenverkehr oder anderswo.
Es hilft nur leider nix, das schlecht zu finden, davon paßt die Programmierung sich auch nicht schneller an. Für uns alle, die wir hier und heute da sind, hilft nur, zu erkennen, wie die Dinge sind, und für sich selbst die bestmöglichen Lösungen zu erarbeiten.
Und im Falle von Sabine hieße das meines Erachtens, sich – sofern irgend möglich – einen engen vertrauten Kreis zu schaffen, in welchem man die spezifische Situation mit ihren Besonderheiten bekanntmachen und den betreffenden Mitmenschen damit die Möglichkeit geben kann, ihr Verhalten “programmierungs-unspezifisch” auf Sabine auszurichten, um es mal so zu formulieren. Ständig mit Fremden zu tun haben zu müssen und dann zu hoffen, daß der eine oder andere anders tickt als die “Programmierung” vorgibt, kann meines Erachtens nach nicht funktionieren.
Natürlich muß man in allererster Linie auch für sich selbst sorgen (“Wenn jeder an sich denkt, ist an jeden gedacht” und das möchte ich nicht als über-Leichen-gehenden Egoismus verstanden wissen, sondern als gesundes Ausmaß von Selbstverantwortlichkeit!!), und natürlich fällt das einigen Menschen schwerer als anderen. Umso wichtiger ist es meiner Meinung nach, sich einen festen Kreis von Menschen zu schaffen, denen man das ein- für allemal klarmachen kann, so daß man dann für alle Zukunft die eigene Situation ohne viel Gedöns verdeutlichen kann und verstanden wird. Und wenn es nur eine(r) ist, dem man sich erklärt, damit der es dann an die übrigen weitergeben kann – aber ganz ohne bissl eigenen Einsatz geht´s halt net. Auch wenn es einem aufgrund der ureigenen Situation besch… schwerfällt. Was wäre die Alternative?? Eben…
In diesem Sinne alles Liebe und viel Kraft!
Dorothea
Liebe Sabine, liebe Inge,
ich kann Eure Schilderungen gut nachvollziehen, möchte aber auch um ein bißchen Verständnis für die andere Seite werben: Wir kennen doch alle diese Statistiken, nachdem nur der geringste prozentuale Anteil einer Botschaft über den Inhalt des gesprochenen Wortes wahrgenommen wird, und der größte Teil durch non-verbale Signale wie Mienenspiel, Ausdruck, Körpersprache etc. – und das ganze dann noch zusätzlich gefiltert und geformt durch den persönlichen Erfahrungshorizontes des Empfängers. Also mal ganz kurz und knackig gesagt: Wenn da eine(r) behauptet, es ginge ihm nicht gut, es ist ihm allerdings nicht das geringsten anzumerken und anzusehen, dann geht der Gemeine mitteleuropäische Mitbürger automatisch davon aus, daß da einer schwindelt, um sich einen Vorteil zu verschaffen. So Tuss-chen, die sich mit zweifelhaften Zipperlein vor jedweder Anstrengung gedrückt haben, hatten wir doch alle in der Schulklasse, erinnert Ihr Euch? “Die anderen” meinen es nicht böse, wenn ihnen reine Worte nicht reichen. Nicht-Autisten funktionieren eben rein biologisch genau SO – weniger über sachliche informative Worte, und mehr über andere, non-verbale Kommunikationskanäle. Dafür muß man genauso Verständnis haben, wie die Autisten für sich Verständnis verlangen, weil sie eben so NICHT funktionieren. Eine Katze fängt nun mal Vögel und Mäuse; ihr das vorzuwerfen, wäre, die Biologie zu kritisieren…
Liebe Sabine, aus ihren letzten Postings entnehme ich, daß es Ihnen gerade derzeit nicht sehr gut geht. Ich lese weiterhin mit Spannung mit, denke viel an Sie und wünsche Ihnen von Herzen, daß bald wieder bessere und leichtere Zeiten für Sie kommen!
Alles Liebe,
Dorothea
Dorothea, mir stellt sich in erster Linie die Frage, wie ich mich verhalten muss, um verstanden zu werden mit den Mitteln, die mir in der sozialen Kommunikatin zur Verfügung stehen. Ich spüre immer wieder, dass ich auf einer anderen Ebene mit den Menschen kommuniziere und mir ihre Ebene verschlossen bleibt. Auf Grund dessen kommt es immer wieder zu einem Missverstehen auf beiden Seiten.. Ich weiß, dass die Kommunikation der NichtautistInnen zu einem großen Teil aus nonverbalen Signalen besteht. Genau diese sind es, die mir das Verstehen der anderen erschwert und oftmals auch unmöglich macht. Da bin ich dann auf ein Entgegenkommen angewiesen.
Liebe Sabine,
ich verstehe die Problematik (hoffe ich zumindest), befürchte aber, daß sie sich nur im engen, vertrauten Kreis dauerhaft bewältigen läßt – eben da, wo man Sie und Ihre spezifischen Eigenschaften kennt und verstanden hat und dadurch über Möglichkeiten verfügt, auf Sie einzugehen. Bei fremden Menschen wird es sicherlich immer schwierig bleiben. Ich wünsche Ihnen, daß Sie verstanden und aufgefangen werden, da wo es not tut – alles Liebe,
Dorothea
Liebe Sabine,
ich bin nicht in Deiner Situation und nicht autistisch – aber in dieser Hinsicht habe ich dasselbe Problem wie Du: Auch mir glaubt nie jemand, wenn ich sage, ich sei erschöpft und könne nicht mehr. Auch ich kann das nicht wirklich mit Emotionen “beweisen”. Das ist schlicht und einfach nicht meine Art.
Da ich zuverlässig sehr zuverlässig bin und immer alles auf die Reihe bringe und zudem sehr fürsorglich für andere da bin, kann sich keiner vorstellen, dass es mir auch nicht immer gutgeht … Im Gegenteil: Ich habe es schon mehrfach erlebt, dass ich zusätzlich dazu, dass es mir nicht gutging und ich erschöpft war, auch noch mit erbosten Reaktionen anderer zurechtkommen mussten, die auch noch beleidigt waren, weil ich für sie nicht wie gewohnt zur Verfügung stand. Also kein Trost, keine Unterstützung, sondern zusätzliche Belastung durch Vorwürfe. Die Menschen sind wirklich sehr oft sehr grausam nur auf ihre eigene Wahrnehmungs-(fähigkeit) bezogen und reduziert – und können sich Erschöpfungszustände wie den Deinen (und ab und an den meinen) nur im Zusammenhang mit emotionaler Dramatik vorstellen oder mit offensichtlichen Krankheiten.
Letztes Jahr hatte ich für einige Wochen eine Gips-Schiene am linken Unterarm: Ich habe noch nie soviele Fragen nach meinem Wohlergehen erlebt – nur weil diese dämliche Schiene konkret da war und eindeutige Probleme signalisierte. Dabei ging es MIR gut während dieser Zeit. Ich habe damals wirklich ganz ernsthaft überlegt, ob ich diese Gips-Schiene nicht aufbewahren sollte, damit ich sie mir jederzeit umtun kann, wenn es mir wirklich schlecht geht. Dann würde wieder jeder “merken”, dass ich schonungsbedürftig bin. Ist das nicht absurd?
Ich wünsche Dir viel Kraft – und uns zusammen bald mal wieder einen netten gemeinsamen Abend.
Inge
Die Gips-Schiene, Inge, ist ein gutes Beispiel, welches präzise verdeutlicht, dass persönliches Befinden bewiesen werden muss, um akzeptiert zu werden.
Bei psychischen Belastungen ist das – zumindest aus meiner Sicht – unmöglich. Wie kann ich Emotionen so weit nach außen transferieren, dass sie für meine Mitmenschen sichtbar werden? Ich kann sie lediglich sachlich beschreiben – für mich die einzige Möglichkeit, sie selber zu begreifen und zu vermitteln. Und auch das musste ich erst in den letzten Jahren nach meiner Autismus-Diagnose in der Therapie lernen.