Ich kann nicht mehr

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Aber das darf ich nicht sagen.
Ich habe zu funktionieren – das erwarten die Menschen von mir.
Jeden Tag fällt es schwerer, die Erwartungen zu erfüllen und zu funktionieren als gäbe es die vielen Stressfaktoren nicht, die mich erdrücken.
Doch ich muss weitermachen – jeden Morgen, auch wenn die Erschöpfung immer spürbarer wird nach vielen schlaflosen Nächten, in denen die Gedanken nicht zur Ruhe kommen.

Wenn ich einmal weinen könnte wie sie, würden sie sehen, dass ich zu
erschöpft bin, um ihre Erwartungen noch erfüllen zu können.
Aber mein Innen-Sein erstarrt, wenn ich überfordert bin.
Und das sehen sie nicht.

Meine Worte hören sie nicht.
Außerdem muss ich vorsichtig sein, was ich sage.
Die Wahrheit wollen die meisten Menschen nicht hören.
Oder sie lesen etwas in meinen Worten, das ich nie gesagt habe.
Sie setzen Erschöpfung mit Erziehungsunfähigkeit gleich und machen mir Angst.
Angst, weil ich ihre Worte nicht begreife.
Warum helfen sie mir nicht, damit ich erst gar nicht in die Situation gerate,
so erschöpft zu sein, dass ich nicht mehr kann?
Warum schaffen sie immer neue Stressfaktoren, die mich belasten, statt gemeinsam mit mir nach Lösungen zu suchen, die mich entlasten?

Viele wollen nicht einmal hören, dass ich Depressionen habe.
Das kann nicht sein, dass ich Depressionen habe, solange ich noch funktioniere.
Außerdem kann man gegen Depressionen schließlich Medikamente nehmen.
Medikamente nehmen, damit ich ihre Erwartungen endlich wieder erfülle und funktioniere.
Erwarte ich etwa, dass sie meine Bedürfnissen respektieren und sich anpassen?
Ein Mindestmaß an Funktionsfähigkeit muss ich schon mitbringen, damit ich ihre Unterstützung in Anspruch nehmen kann.
Also darf ich nur in dem Maß autistisch sein, wie es ihren vorgeschriebenen Bestimmungen entspricht. Auch in einer Überlastungssituation, in der das autistische Sein die einzige Möglichkeit ist, mich vor dem Druck von Außen zu schützen und nicht zusammenzubrechen.

Es macht mir Angst, dass ich nicht sagen darf, wie erschöpft ich bin.
Angst, dass sie von Konsequenzen sprechen, die mich noch mehr unter Druck setzen.

Wenn Ihnen das alles zu viel wird, müssen sie eine Entscheidung treffen.
Mit der Entscheidung meinen sie, dass ich mein autistisches Kind fremd unterbringen soll.
In ihren Augen scheint das die einzige Lösung zu sein. Zumindest die einfachste.
Für mich ist das keine Lösung.
Ich möchte, dass aus dem Zuviel an äußeren Stressfaktoren wieder eine zu bewältigende Belastung wird. Aber dafür benötige ich Unterstützung, die mich entlastet und nicht ständig weitere Forderungen von Außen, die mich erdrücken.

Manchmal glaube ich, dass es einfach keinen Platz für mich gibt in einer nichtautistischen Gesellschaft, die permanent verlangt, dass ich mich anpasse und funktioniere.
Die von Inklusion spricht, aber im Moment noch gar nicht bereit ist, diese wirklich umzusetzen und jeden Menschen so anzunehmen, wie er ist, besonders dann, wenn er nicht ihrer Norm entspricht, sondern anders ist.

Sie wollen dazugehören, also passen sie sich an.
Das hat doch bis zu ihrer Diagnose 47 Jahre lang auch funktioniert!

Aber ich kann nicht mehr.
Kann nicht mehr nur funktionieren und mich immer und immer wieder anpassen.
Für mich ist das zu viel geworden in den letzten Jahren.
Für das Außen ist es nicht mehr als eine Bitte, meine Erschöpfung endlich wahrzunehmen und mich nicht noch mit weiteren Stressfaktoren zu belasten und unter Druck zu setzen.

Wir verstehen sie ja, aber…
Ich will kein Aber mehr hören.
Jedes Aber zeigt mir, dass sie mich nicht verstehen.
Mein autistisches Sein nicht verstehen.
Dass sie immer noch fordern und Grenzen nicht respektieren.
Meine Grenzen, die ich längst überschritten habe und gar nicht mehr wahrnehme.

Zerkratzte Hände

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Zu viele Worte.
Angstworte.
Ich kann sie nicht aufnehmen.
Will sie nicht hören, weil jedes Wort schmerzt.
Möchte weglaufen, bevor alles in mich eindringt, mich überrennt.
Zu viele Worte.
Worte, die mich überfordern.
Mein Innen-Sein ist erstarrt.
Ich schweige.
Kann mein Fühlen nicht in Worte fassen, obwohl der Druck unerträglich ist.
Ich muss die Schmerzen spüren, die mein Innen-Sein verletzen.
Muss meine Hände zerkratzen, damit der Schmerz der Angstworte nach außen gelangt und nicht in mir bleibt.
In mir ist alles zu viel.
Zu viele Worte, die mich erdrücken.
Ich habe die Kontrolle über meine Hände längst verloren.
Gerötete Hände, die sich bei jedem Wort kratzen.
Aber lieber den Schmerz an den Händen ertragen als den Druck, der in meinem Innen-Sein ist.

Sie sagt, dass ich schweige, wenn ich überfordert bin, wenn alles zu viel ist.
Aber die Angstworte hören nicht auf.
Sie sehen meinen Schmerz nicht und den Druck in meinem Innen-Sein.
Nur sie spürt das, weil sie ein Innen-Mensch ist.

Zu viel.
Nicht nur an Worten.
Alles ist zu viel.
Es muss aufhören.
Ich will, dass es aufhört.
Will, dass kein Wort mehr in mein Innen-Sein dringt.
Und kein Fühlen, welches mich überfordert.
Will schreien, damit die Angstworte endlich schweigen.
Sehnsucht nach Stille.
Ich will, dass alles aufhört.
Dass die Gedanken aus meinem Kopf entweichen.
Dass sich das Erstarren in mir löst.
Dass die Anspannung nachlässt und der Druck erträglich wird.
Erträglich bleibt, auch wenn sich meine Hände nicht mehr kratzen.

Aber das Kratzen bleibt bis in die Nacht.
Weil der Schmerz nicht nachlässt, nachdem die Worte keine Stimme mehr haben.
Worte brauchen keine Stimme, um zu verletzen.
Sie kehren in Gedanken zurück.
Immer und immer wieder.
Angstworte.
Ich werde sie nicht mehr loswerden, egal, wie sehr ich mich kratze.
Ihr Schmerz wird bleiben.
Das Kratzen macht ihren Schmerz nur erträglich.
Auch während der Nacht, die schlaflos ist.

Dass man dich immer zu deinem Glück zwingen muss

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Ein Satz aus meiner Kindheit.
Seit Wochen schwirrt er – aus aktuellem Anlass – in meinem Kopf herum.
Ich will mich nicht zwingen lassen. Will, dass meine Entscheidung akzeptiert wird.
Ich kann sehr gut selber entscheiden, was Glück für mich ist.
Konnte es damals schon.
Aber viele Menschen glaubten, besser zu wissen, was gut für mich ist.
Manche glauben es heute noch und treffen Entscheidungen über meinen Kopf hinweg.
Immer und immer wieder.
Obwohl ich es nicht will.

Ich werde es nicht zulassen.
Werde nicht zulassen, dass sie ihre Entscheidung bereits getroffen haben, ohne mit mir darüber gesprochen zu haben und Rücksicht auf meine Bedürfnisse zu nehmen, weil sie glauben, besser zu wissen, was mein Glück ist.
Ich werde mich nicht mehr zwingen lassen.
Glück und Zwang sind zwei Dinge, die nicht zusammenpassen.
Wenn mich jemand zwingt, etwas zu tun, dann mache ich dieses Etwas nicht freiwillig.
Dann widerspricht es meinen Vorstellungen und der Entscheidung, die ich getroffen habe.
Für mich getroffen habe.

Ich soll lernen, mehr auf meine Bedürfnisse zu schauen und auf mich zu achten.
Doch das kann ich nicht, solange Menschen immer wieder glauben, besser zu wissen, was gut für mich ist und mir ihre Entscheidung aufzwingen.

Ich will, dass die Menschen, die mich unterstützen, mit mir gemeinsam nach Lösungen suchen und nicht über meinen Kopf hinweg.
Ich weiß genau, was richtig für mich ist und mir hilft.
Ich weiß genau, was ich ich benötige, was mein „Glück“ ist.
Ich spüre sehr genau, was mir gut tut, weil mein Innen-Sein in solchen Momenten entspannt.
Nur bleiben die Worte oft in mir, finden den Weg aus meinem Innen-Sein nicht.
Weil ich nicht gelernt habe, über meine Bedürfnisse zu sprechen.
Weil andere immer glaubten, besser zu wissen, was gut für mich ist.
Weil ich zu meinem Glück gezwungen wurde und niemand bemerkte, dass ich nicht glücklich war.

Zwingen musste man mich besonders dann, wenn ich vor etwas Angst hatte.
Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Angst ist immer der wichtigste Faktor, wenn es darum geht, zu entscheiden, was gut für mich ist. Wenn mir etwas Angst macht, kann es mir weder helfen noch kann es mich glücklich machen. Dann setzt es mich lediglich einem enormen Stress aus, der – wenn ich mich nicht zurückziehe – auf Dauer zu einem Zusammenbruch führt.

Sie glaubten, ich würde meine Ängste überwinden, wenn ich das Glück erst einmal erkannte, was hinter ihrem Zwang stand, etwas zu tun.
Aber ich sah kein Glück.
Nahm nur die Angst wahr und den Wunsch, mich zurückzuziehen.
Und ihre Freude darüber, dass sie mich zum Glück hatten zwingen können.
Zu ihrem Glück – nicht zu meinem.

Als ich älter wurde, entwickelte ich zahlreiche Vermeidungsstrategien.
Ich lernte, mich dem Zwang der anderen zu widersetzen.
Sie nannten es Sturheit und bezeichneten mich als aufsässig und faul.
Mir war das gleichgültig, solange ich mich dadurch der Angst vor einer Situation oder einem Menschen entziehen konnte.

Aber Angst auslösende Situationen grundsätzlich zu vermeiden, hieß auch, einige Ziele nicht erreichen zu können und meine Bedürfnisse immer häufiger in den Hintergrund zu stellen.
Erst durch die Auseinandersetzung mit meiner Diagnose habe ich gelernt, meine Ängste zu erkennen und benennen zu können. Sie nach außen hin sichtbar zu machen.
Auf diese Weise können die Ängste in Entscheidungen mit einbezogen und akzeptiert werden unter der Voraussetzung, dass man mit mir gemeinsam nach Lösungen sucht und nicht über meinen Kopf hinweg entscheidet.

Ich habe ein Recht darauf, dass man meine Ängste ernst nimmt und respektiert.
Ich habe ein Recht darauf, dass man mich nicht zu meinem Glück zwingt, sondern gemeinsam mit mir nach einem Weg sucht, dieses Glück zu finden.
Denn Glück kann ich nicht finden, wenn der Weg dorthin durch Zwang zu einem
unüberwindbaren und krank machenden Stressfaktor wird.

Dass man dich immer zu deinem Glück zwingen muss.
Nein, dass muss man nicht.
Ich finde mein Glück auch alleine.
Und dort, wo ich Unterstützung benötige, braucht es nur, dass man mir zuhört und meine Bedürfnisse wahrnimmt, auch wenn diese möglicherweise anders sind als gewöhnlich.
So, wie ich anders bin.

Verunsichert

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Seit Tagen wächst in mir die Angst vor diesem Gespräch, weil ich dessen Verlauf nicht planen kann. Ich spüre, dass etwas auf mich zukommen wird, womit ich mich nicht auseinandersetzen will. Etwas, wozu mir die Kraft fehlt. Am liebsten möchte ich mich zurückziehen, den Termin einfach nicht wahrnehmen, solange der Ausgang des Gesprächs unvorhersehbar bleibt.
Die Angstworte begleiten mich den ganze Tag und lassen mich in der Nacht nicht schlafen, obwohl ich müde bin und mich danach sehne, die Gedanken einmal abschalten zu können.
Das Fühlen in meinem Innen-Sein sagt mir, dass etwas anders ist als sonst.
Dass etwas um mich herum geschieht, was ich nicht aufhalten kann.
Es gibt keine Gewissheit und die Sicherheit fehlt, an der ich mich festhalten kann.
Ich will nicht zählen, weil die Stunden viel zu schnell vergehen und ich die Sätze nicht formulieren kann, die möglicherweise gesprochen werden.
Wenn ich die passenden Worte jetzt nicht finde, werde ich nächste Woche schweigen.
Wird alles in mir bleiben. Verschlossen.

Dieses Fühlen in mir verunsichert mich.
Weil ich es nicht erklären kann.
Weil es mich überrennt.
Immer und immer wieder.

Ich muss üben. Jeden Satz, jedes Wort üben, damit es sich einprägt und das Gespräch vorhersehbarer wird. Aber wie kann ich Antworten üben, wenn ich die Fragen nicht weiß?

Es ist 2.16 Uhr und ich laufe im Wohnzimmer auf und ab.
Suche nach Worten. Und nach Sicherheit.
Sicherheit, die für einen Moment zurückkehrt, während ich die festgelegte Anordnung meiner Plüschtiere auf der Couch immer und immer wieder herstelle und darauf achte, dass sich nichts verändert in der Reihenfolge oder der Art, wie sie nebeneinander sitzen.

Menschen sind ein großer Unsicherheitsfaktor.
Ihr Handeln und ihre Worte sind unvorhersehbar.
Selbst das Handeln und die Worte jener, die mir vertraut sind.
Ihr Verhalten erscheint mir oft fremd, weil ich es nicht zu deuten weiß.
Oder weil es dem widerspricht, was in ihren Worten ist.
Manchmal sagen sie Angstworte und lächeln dabei.
Manchmal sagen sie auch, dass alles gut wird, obwohl sie wissen, dass es nicht so sein wird.
Aber ich spüre, wenn etwas nicht stimmt. Spüre, wenn ihr Verhalten anders ist oder ihre Worte einen anderen Klang haben. Spüre es, wenn die Angst kommt, die Angst vor Veränderungen.

„Lass doch erst einmal alles auf dich zukommen“, sagt er und versteht nicht, dass ich genau das nicht kann – etwas auf mich zukommen lassen.
Ich muss planen. Planen, damit das „etwas“ vorhersehbar wird und nicht ein abstrakter Begriff bleibt. Ich muss alle möglichen Antworten formulieren und abspeichern, damit sie verfügbar sind und ich nicht schweige. Mit spontanen Antworten bin ich überfordert.
Ich kann nur reagieren, wenn ich weiß, wie mein Gegenüber agieren wird.
Aber die Menschen sind in ihrem Agieren unberechenbar.

„Es wird schon alles gut gehen.“
Woher will er das wissen?
Kennt er den Ausgang des Gesprächs bereits, obwohl er nicht einmal die Personen kennt, die daran teilnehmen werden?
Oder sagt er das bloß, um mich zu beruhigen und mir Halt zu geben?
Halt, der nur auf Vermutungen basiert und damit so unstabil ist, dass meine Unsicherheit wächst.

Ich möchte allein sein – weit weg von den Worten, die mich nicht beruhigen.
Ich wünsche mir, dass die Nacht nicht endet und das Fühlen endlich zur Ruhe kommt.
Aber es wird mir unbegreifbar sein und verwirrend, solange die Sicherheit nicht zurückkehrt.

Ich möchte allein sein – weit weg von den Menschen, deren Verhalten mich so verunsichert. Ich zähle die Stunden der Nacht nicht, weil die Zeit dadurch keine Begrenzung erhält. Grenzen, die mir normalerweise wichtig sind, um meinen Alltag zu strukturieren.
Doch Angst hat auch keine Grenzen, ebenso wenig wie die Unvorhersehbarkeit dieses Gesprächs, welche mich seit Tagen immer mehr unter Druck setzt.
Dabei bin ich viel zu erschöpft, den Druck ertragen zu können und mich auf die möglichen Worte vorzubereiten.

Ich habe Angst, große Angst.

„Es wird schon alles gut gehen.“
Aber was ist, wenn es nicht gut geht?
Was ist, wenn Worte fallen, auf die ich nicht vorbereitet bin?
Was ist, wenn mir nur das Schweigen bleibt, weil ich keine Antwort weiß?
Was ist, wenn eine Entscheidung längst getroffen worden ist und ich an der Situation nichts mehr ändern kann?

Wieder überrennt mich das Fühlen in meinem Innen-Sein.
Wenn es nicht gut geht, werde ich mich zurückziehen.
Zurückziehen und schweigen.
Wieder allein sein wollen.
Allein sein.
Allein.

Positivmomente

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Mit ihr im Café sitzen und zuhören, während sie von sich erzählt.
Nähe spüren. Nähe, die Sicherheit gibt.
Die Latte Macchiato ist das erste, was ich an diesem Morgen um 11 Uhr zu mir nehme.
Aber sie ist Nebensache, wenn ich mich auf ihre Worte konzentriere.
Worte, die wichtiger sind als der Geschmack von Kaffee und geschäumter Milch.
Sie schafft es, mich auch in schwierigen Situationen zum Lachen zu bringen.
Ich lache gerne mit ihr, auch wenn ihr Lachen manchmal zu laut ist.
In ihrer Gegenwart muss ich nicht funktionieren.
Zumindest jetzt nicht, wo wir uns im Café gegenübersitzen.
Meine Hände sind ruhig, müssen nicht herum fuchteln oder Kratzspuren auf der Haut hinterlassen.

Das Café ist um diese Uhrzeit fast leer, so dass es kein Zuviel an Stimmen gibt und ich ihren Worten mühelos folgen kann.
Wohlfühlworten.
Und ihrem Lachen.
Sie ist ein Innen-Mensch.
Das Außen ist abgeschaltet – für einen Moment erdrücken die Gedanken nicht.
Ein gehwegplattenschönes Gefühl.

Auf dem Heimweg spüre ich die Erschöpfung wieder.
Das Außen dringt in mein Innen-Sein. Dröhnt in meinem Kopf. Schmerzt.
Aber auch der Positivmoment kehrt in meine Gedanken zurück.
Die Erinnerung daran gibt Halt, obwohl mein Erinnern bildlos ist.
Weil sich ihr Lachen einprägt und jedes Wort.
Ich vergesse Worte nicht. Sie bleiben in mir.

Wohlfühlworte.
Sie fühlen sich auch jetzt noch gut an, wo ich zuhause bin.
Wenn ich mich zurückziehe und sie immer und immer wieder ausspreche.
Leise vor mich hin oder manchmal auch laut, damit ich sie höre.
Wiederholen schafft Sicherheit und beruhigt.
Gerade, wenn die Angst zurückkehrt und mit ihr die Erschöpfung.

Heute Nachmittag habe ich mir einen Tulpenstrauß gekauft.

Ich mag Blumen und die Wärme ihrer Farben.
Je intensiver ihre Farben sind, desto mehr nehme sie wahr.
Außerdem spüre ich den ganzen Tag den Geruch vom Anschneiden ihrer Stängel in der Nase und an meinen Fingern, an denen ich immer wieder rieche.
Der Geruch nach geschnittenem Grün ist auch gehwegplattenschön.
Und beruhigend.
Ebenso wie ihre Worte und das Lachen im Café.

Trotzdem ist die Nacht um drei Uhr noch schlaflos, weil zu viele Gedanken mein Innen-Sein überrennen und ich keine Ruhe finde.
Genauso wie der Wind, der seit Stunden draußen fegt und die Regentropfen ans Fenster schlägt. Aber es ist nicht der Wind, der mich nicht schlafen lässt, sondern die Furcht vor der Rückkehr der Angstworte.
Angstworte, die das Lachen verdrängt haben und den Geruch frisch geschnittenen Grüns.

Aber es gab sie, die Positivmomente.
Ich konnte sie spüren.
Für einen Augenblick.

Ich werde die Augen schließen und die Stunden zählen bis morgen Mittag.
Und mit jeder Zahl hoffen, dass es Wohlfühlworte sein werden, die sie mitbringt.

Die Unsichtbarkeit der Erschöpfungsworte

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Erschöpft bin ich, so sehr erschöpft, dass ich ich keine Erleichterung oder Freude mehr spüre angesichts positiver Veränderungen in meinem Alltag.
Immer noch brennen meine Augen von dem Wunsch, weinen zu können, dem das Wasser für die Tränen fehlt. Das Fühlen bleibt in mir, findet keinen Weg aus dem Innen-Sein. Bleibt dem Außen verschlossen und der Wahrnehmung der Menschen um mich herum.
Sie sehen nichts von meiner Erschöpfung und davon, dass ich meine Belastbarkeitsgrenze ständig überschreite, weil mich das Außen überfordert. Weil es mich erdrückt.
Meine Erschöpfungsworte reichen nicht aus. Sie bleiben unsichtbar.
Zeigen sich nicht auf meinem Gesicht oder in meinem Verhalten.
Wie soll ich sie begreifbar machen, die Erschöpfung, wenn meine Worte nicht erklären können, was in mir ist? Wie kann ich sie sichtbar machen, damit sie für das Außen existiert?
Ich weiß nicht, wie sich das Befinden eines Menschen von seinem Gesicht ablesen lässt.
Ich kann nicht viel in Gesichtern lesen. Nur in Büchern. Worte sind das, was ich verstehe und womit ich mich ausdrücken kann. Nicht Blicke oder die Sprache des Körpers.
Ich sehe Menschen nicht an, wie es ihnen geht. Auch Menschen nicht, die mir vertraut sind.
Ich kann es nur ihren Worten entnehmen. Präzisen Worten, die nicht umschreiben oder ein Zwischen-den-Zeilen lesen-können voraussetzen.

„Man muss Sie schon sehr gut kennen, damit man merkt, dass es Ihnen schlecht geht.“
Wie soll ich es auch aus meinem Innen-Sein nach Außen transferieren, wenn nicht mit Worten? Ich weiß es nicht.
Warum braucht es eine Bestätigung meiner Erschöpfungsworte durch ein
Sie-mir-anmerken-können, Sie-meinem-Gesicht-ablesen-können?
Warum sind sie für das Außen nicht da, wenn man sie mir nicht ansieht?
Oder nur die Menschen sie sehen können, die mich sehr gut kennen.
Wie machen sie sich für die Menschen, die mich sehr gut kennen, nach außen hin bemerkbar?
Und wo?
In meinem Gesicht, an meinem Körper oder meinen Bewegungen?

Es fällt mir selber schwer, die ersten Anzeichen einer Erschöpfung in mir wahrzunehmen.
Sie ist plötzlich da und dann in einer Heftigkeit, die mein Innen-Sein überrennt.
Aber sie findet keinen Weg nach draußen. Sie bleibt in mir.
Bleibt in mir, weil ich funktionieren muss.
Und so lange ich funktioniere, sieht niemand, wie erschöpft ich bin.
Solange ich funktioniere, bleiben Worte unsichtbar, weil sich die Erschöpfung nicht in meinem Verhalten zeigt oder in Tränen, die nicht kommen, weil mir das Wasser zum Weinen fehlt.
Weil ich mich dem Außen gegenüber nicht so verhalte, wie sich ein Mensch verhält, der erschöpft ist. Mein Verhalten entspricht nicht dem üblichen Bild, wobei ich nicht einmal weiß, wie ich mich verhalten müsste, um dem üblichen Bild zu entsprechen.
Ich weiß nicht, wie mich die Menschen wahrnehmen.
Ich spüre nur, dass ihre Wahrnehmung eine andere ist als meine.
Dass ihnen offensichtlich vieles von mir verborgen bleibt.
Dass sie Worte auch sehen wollen. Nicht nur hören.
Und dass es für viele Menschen eine Übereinstimmung braucht zwischen einem
ausgesprochenen Gefühl und seiner Sichtbarkeit, um dieses annehmen und als existent akzeptieren zu können.

Ich sitze ihm gegenüber und versuche, mein Befinden präzise in Worte zu fassen.
Erschöpfungsworte.
Ich weiß nicht, ob er sie versteht. Ob er mich versteht und nicht versucht, aus meinen Worten etwas zu lesen, was nicht darin steht. Wenn wir einander nicht verstehen, weiß ich, dass wir auf verschiedenen Ebenen miteinander kommunizieren.
Das geschieht häufig. Vielleicht liegt es daran, dass ich meine Gefühle sachlich schildere und nicht auf der emotionalen Ebene? Vielleicht erkennt er deshalb meine Erschöpfung nicht, weil Erschöpfung emotionaler ist, als ich sie in Worte fassen kann?
Möglicherweise ist es die Emotionalität von Worten, die sie nach außen hin sichtbar macht.

Dass ich eine emotionale Reaktion zeigen muss, wenn ich davon spreche, erschöpft zu sein, weil sich die meisten Menschen nur anhand sichtbarer gewordener Gefühle ein Bild von davon machen können, wie es mir geht.
Die sachliche Schilderung führt offensichtlich zu einem Missverstehen meines Befindens ebenso wie das Funktionieren im Alltag, welches gerade jetzt so viel Kraft kostet, dass ich immer schneller erschöpft bin und meine Augen schon am Morgen brennen nach einer fast schlaflosen Nacht.

Ich weiß nicht, wie lange ich es noch schaffe zu funktionieren.
Ich weiß auch nicht, was geschieht, wenn ich nicht mehr funktioniere.
Nicht mehr funktioniere, weil ich zu erschöpft bin, weil alles zu viel ist und mich selbst Kleinigkeiten überfordern.

So, wie das Gespräch mit ihm, welches mich überfordert, weil er die Erschöpfungsworte nicht versteht und in meinem Verhalten danach sucht. Aufstehen möchte ich und gehen. Alleine sein. Die Augen schließen. Für einen Moment nicht funktionieren müssen, sondern einfach nur sein. Ich sein. Auch wenn das Ich-Sein autistischer wird, je erschöpfter ich bin, weil das Anpassen dann nicht oder nur sehr schlecht funktioniert.
Autistisch zu sein schützt mich davor, dass mich der Alltag noch mehr überfordert.
Denn es ist nicht das autistische Sein, welches mich erschöpft, sondern die permanente Anpassung an eine nichtautistische Welt und die Erwartung zu funktionieren, als sei ich nicht autistisch.

Wenn Hilfe zum Stressfaktor wird

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Nein!
Das Gespräch heute war sehr konstruktiv. Mein Sohn wird auf der Schule bleiben können, wenn ich eine geeignete Schulbegleitung finde.
Aber ich spüre keine Erleichterung – nur Erschöpfung.
Woher soll ich die Kraft nehmen?
Wieder und immer wieder.

Meine Augen brennen. Jeder Kilometer Autobahn strengt an.
Auch die Scheinwerfer der entgegen kommenden Autos. Ich möchte die Augen schließen. Diesen Schmerz nicht mehr spüren.

Wie soll ich mich zusätzlich noch mit dem Fremden auseinandersetzen, wenn mir schon die Kraft fehlt, die aktuelle Problematik zu bewältigen? Eine Problematik, die seit Monaten besteht und so viel Raum einnimmt, dass kein Platz mehr bleibt für andere Gedanken.

Weiter fahren – immer weiter fahren. Weiter fahren, ohne anzuhalten.
Weg fahren. Weit weg. Irgendwohin, wo das Fremde mich nicht mehr erreicht.
Ich will keine Hilfe, die mich zusätzlich belastet.
Und Hilfe entlastet nicht, wenn sie zum Stressfaktor wird.

Ich will meine Gedanken ausschalten, alles ausschalten, was in mein Innen-Sein dringt und mich belastet. Es ist zu viel – einfach zu viel.

Das Brennen der Augen wird unerträglich.
Vielleicht kommt es vom ständigen Reiben der Lider und der Müdigkeit, die in mir ist.
Oder von dem Wunsch, weinen zu können, dem das Wasser für die Tränen fehlt.

Das Nein in mir wird immer lauter.
Was ich jetzt brauche, ist Sicherheit. Eine Sicherheit, die mich hält.
Fremdes bietet keine Sicherheit.
Ich will das Fremde nicht. Es macht mir Angst.

Wenn mich der Arzt morgen nach meinem Befinden fragt, werde ich ihm sagen, dass es mir schlechter geht seit es die Angstworte gibt.
Dass mir das Fremde den Halt nimmt, den mir das Vertraute gibt und die Hilfe auf diese Weise zu einer zusätzlichen Belastung wird.

Weiter fahren – immer weiter fahren. Weiter fahren, ohne anzuhalten.
Weg fahren. Weit weg. Irgendwohin, wo das Fremde mich nicht mehr erreicht.
Aber wohin soll ich fahren?
Ich kann gewohnte Wege nicht verlassen.
Ich schaffe es nicht einmal, einen Umweg zu fahren oder einen anderen Weg nach Hause zu nehmen als den, der mir vertraut ist.

Die Musik im Auto ist laut. So laut, dass sie alle anderen Geräusche um mich herum ausblendet. Doch wie kann ich die Gedanken ausblenden und die Angst vor dem Fremden, die allgegenwärtig ist und mich erschöpft?

Wie schön wäre es, das Sein einfach einmal für einen Moment abstellen zu können. Und mit dem Sein alle Gedanken und das Fühlen, die permanente Erschöpfung und das Außen, welches mich erdrückt mit seinem Zuviel an Forderungen, die ich nicht erfüllen kann.

Kurz schließe ich die Augen während ich im Stau stehe, damit das Brennen aufhört.
Aber es hört nicht auf.
Ich bin zu erschöpft, um den Schmerz lindern zu können, auch wenn das Gespräch in der Schule konstruktiv war.
Ich werde Vertrautes brauchen, das mir Halt gibt und mich entlastet.
Vertrautes, das mich beruhigt, in dem es einfach da ist und an meiner Seite bleibt.
Ich will nicht, dass Fremdes sich in Vertrautes mischt und mir den Halt nimmt.
Ich will nicht, das Fremdes mich verunsichert und die Hilfe dadurch zum Stressfaktor wird.
Die Hilfe soll Stressfaktoren reduzieren, nicht weitere produzieren.
Wenn die Hilfe zum Stressfaktor wird, dann will ich sie nicht mehr.
Auch, wenn ich es alleine nicht schaffe, wenn dann alles zusammenbricht.

Weiter fahren – immer weiter fahren. Weiter fahren, ohne anzuhalten.
Weg fahren. Weit weg. Irgendwohin, wo das Fremde mich nicht mehr erreicht.
In wenigen Minuten werde ich zuhause sein.
Zuhause sein und mich zurückziehen zu können.
Ganz in mich zurückziehen – unerreichbar sein.
Unerreichbar für das Fremde.

Angstworte (2)

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Ihre Stimme am Telefon zu hören bringt Linderung, obwohl ich Angst vor dem Wiedersehen am nächsten Tag habe.
Ich zähle nicht einmal wie sonst die Stunden, weil das Zählen mir dieses Mal keine Sicherheit gibt. Die Hände sind zerkratzt und geschwollen, weil die Haut unerträglich juckt.
Meine Schultern und der Hals sind verkrampft von der Anspannung in meinem Innen-Sein.
Es kostet viel Kraft, das alles vor dem Außen zu verbergen und weiter zu funktionieren, als existierten die Angstworte nicht.
Der Alltag geht weiter, aber ich bekomme kaum etwas davon mit.
Mein Handeln beschränkt sich auf das Einkaufen und Kochen.
Das schaffe ich nur meinem Sohn zuliebe.
Alles strengt enorm an, weil das Denken blockiert ist.
Schon am Morgen bin ich erschöpft von einer schlaflosen Nacht, in der ich stundenlang mit dem Kopf in meinem Kissen hin- und her gewühlt habe.
Die Ungewissheit der nächsten Wochen belastet mich immer mehr und lässt längst keinen Raum mehr für andere Gedanken. Erst recht nicht für eine weitere Veränderung.
Woran soll ich mich festhalten, wenn mir ein Teil des Vertrauten genommen wird und an dessen Stelle Fremdes tritt?
Etwas ist in mir, das sich anfühlt, als müsse ich weinen.
Aber es kommen keine Tränen.
Meine Augen brennen, dass mir sogar das Lesen schwerfällt.
Schließen möchte ich sie und nichts mehr spüren in meinem Innen-Sein als Stille.

Doch statt Stille entlädt sich plötzlich Wut.
Kein stummer Schrei, sondern laute Wut.
Ein umgekippter Stuhl und ein zu Boden geworfenes Brillenetui.
Ich will nicht mehr – ich kann nicht mehr.
Aber niemand sieht das.

Ich sei kognitiv in der Lage, das alles zu schaffen.
Aber ich habe auch Gefühle. Ein Knäuel von Gefühlen, das mich ständig überrollt.
Und dieses Gefühlsknäuel ist überfordert mit all dem, was im Augenblick in mein Innen-Sein dringt. Es braucht Halt und eine vertraute Person, die mir hilft, das Knäuel zu entknoten.
Nicht noch mehr Verwirrung durch die Unvorhersehbarkeit des Verhaltens einer fremden Person. Ich werde mein Innen-Sein vor allem verschließen, was fremd ist, weil ich es beschützen muss. Weil ich mich schützen muss vor einem Zuviel an Außen.
Und im Moment ist alles Außen zu viel.
Jeder Schritt, den ich nach draußen gehen muss.
Deshalb möchte ich meine Wohnung am liebsten gar nicht verlassen. Nur dort bleiben, wo Vertrautes ist und Sicherheit. Und in mir bleiben. In meiner Welt, wie sie es nennen.
Zutritt nur für Innen-Menschen.

Sie ist ein Innen-Mensch.
Mit ihr schaffe ich es sogar zu lachen heute.
Nicht, weil es mir gut geht oder die Angst und das Zuviel verschwunden sind.
Sondern, weil sie da ist und mit ihr ein kurzer Moment der Entspannung.
Wie anstrengend dieser Moment war, spüre ich erst, nachdem sie gegangen ist.
Ich bin so erschöpft, dass mir die Augen zufallen und ich meinen Körper kaum noch kontrollieren kann. So, als schliefe er bereits, obwohl ich noch wach bin.
Viel zu viel habe ich gesprochen und nicht bemerkt, wie sehr mich das Reden ermüdet. Heraus gesprudelt ist es aus meinem Innen-Sein, damit kein Platz bleibt für die Angstworte.
Ich will sie nicht hören, nie mehr hören. Ich will, dass sie verschwinden und nie mehr zurückkehren.

Wenn sie lacht, vertreibt sie die Angstworte. Auch, wenn ihr Lachen laut ist. Manchmal zu laut.
Es ist gut, wenn die Angst für einen Moment verschwindet, auch wenn sie allgegenwärtig bleibt und meine Gedanken beherrscht, sobald ich wieder alleine bin und das Lachen weit weg und für mich unerreichbar ist.
Jetzt werde ich die Stunden wieder zählen, bis ich sie wiedersehe.
Weil das Zählen Sicherheit gibt und ein Gefühl von Kontinuität, die mein Innen-Sein stabilisiert und dem Gefühlsknäuel einen Ort gibt, an dem es sich entspannen kann.
Und genau deshalb möchte ich, dass alles so bleibt wie es ist.
Dass Veränderung mein Gefühlsknäuel nicht noch mehr verwirren wird.
Dass ich auf Kontinuität zählen kann.
Wieder zählen kann.

Für mich getanzt

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An Tagen wie heute brauche ich etwas, das meinem Innen-Sein ein wenig Kraft gibt, weiter zu machen:

„Du darfst die Augen beim Tanzen nicht schließen oder vor dich hin träumen.Wenn du einmal auf der Bühne stehst, musst du das Publikum anschauen. Du musst mit dem Publikum spielen und es in deinen Bann ziehen.“

Ich werde niemals auf einer Bühne stehen, niemals.
Ich will nur für mich tanzen, nur für mich.
Ich liebe die orientalische Musik und die Momente, wenn ihr Rhythmus in meinem Körper ist.


Dann spüre ich mich ganz intensiv und fühle mich frei.
Befreit von dem permanenten Druck, so sein zu müssen wie die anderen.

Beim Bauchtanz bin ich anders, da ist das Anderssein Normalität.
Und doch bin ich auch im Anderssein anders.
Ich tanze mit geschlossenen Augen.
Mir ist es wichtig, den Text des Liedes zu verstehen, zu dem ich tanze.
Und ich singe mit. Laut – nicht nur still vor mich hin in Gedanken.
Ich fühle mich verbunden mit der Musik und versinke so sehr darin, dass ich nichts anderes mehr wahrnehme. Vor allen Dingen nicht die Menschen um mich herum.


Es entsteht keine Verbindung zwischen ihnen und mir, weil ich sie nicht mit einbeziehe in meinen Tanz, der nur mir gehört. Mir ganz allein.


Darum schließe ich die Augen – und weil ich mich so ausschließlich auf die Musik konzentrieren kann. Gleichzeitiges Hören und Sehen überfordert mich. Zu viele Reize auf einmal überfordern mich. Und ich will ganz bei der Musik sein, sie in meinem Körper aufnehmen und ihren  Rhythmus spüren, der durch die Bewegung wieder nach Außen gelangt.

Tanz ist nur ein flüchtiger Moment der Verbundenheit mit der Musik.
Und ein sehr intensiver, der meine Hände zum Flattern bringt.
Doch ich brauche sie nicht ruhig halten. Sie zu bewegen gehört beim orientalischen Tanz dazu. So fällt mein Aufgeregtsein nicht auf, obwohl es mein Innen-Sein überrennt, sobald ich die Musik höre und zu tanzen beginne.

Ich liebe den Rhythmus der Tabla, der sich wie der Herzschlag in meinem Körper anfühlt. Es gibt kaum Momente in meinem Leben, wo ich mich mich selber so intensiv spüre wie beim orientalischen Tanz.
Wenn ich einmal damit begonnen habe, möchte ich nicht mehr aufhören.
Dann schließe ich die Augen und wünsche mir, dass die Musik kein Ende nehmen wird.
Dass ich tanze und tanze und tanze und der Rhythmus der Musik für immer in mir bleibt.

Ein Glücksmoment, den ich mit niemandem teilen möchte, der nur mir gehört, mir ganz allein.

Angstworte

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„Ich will nicht!“
Während sie redet, versuche ich zu realisieren, welche Konsequenz ihre Worte haben werden.
Worte, die ich nicht hören will, weil mir jedes einzelne ein Stück Sicherheit nimmt.
Sicherheit, die ich gerade jetzt so dringend brauche.
Ihre Worte schmerzen, obwohl ich weiß, dass sie mich nicht verletzen will.
„Aufhören!“, schreit alles in mir, doch ich bin unfähig, die Worte zu formulieren.
Erstarrt sitze ich auf meinem Sofa und schweige.
Ich spüre ihre Nähe nicht, obwohl sie nur eine Tischbreite von mir entfernt ist.

„Ich will nicht!“, hämmert es in meinem Kopf. Immer und immer wieder.
Ich will nicht, dass sich das ändert, was mir in den letzten Monaten so viel Stabilität gegeben hat, dass ich immer noch Kraft aufbringen konnte, weiter zu machen, obwohl ich viel zu  erschöpft war um zu agieren. In einer solchen Situation ist jede Veränderung unerträglich.
Woher soll ich die Kraft nehmen, mich auf etwas Fremdes einzulassen, zumal ich es gar nicht will?

Ihre Worte, die mich an anderen Tagen beruhigen, machen mir heute Angst.
Mein Innen-Sein ist so aufgewühlt, dass es mich sehr viel Anstrengung kostet, das Durcheinander an Gefühlen, welches mich überrennt, unter Kontrolle zu halten und äußerlich ruhig zu bleiben. Meine rechte Hand zerkratzt die Haut am Dekolleté.
Auf diese Weise kann ich den Schmerz spüren, der in mir ist und ein wenig von dem inneren Druck ablassen, der im Augenblick unerträglich ist.

Plötzlich ist mir das Vertraute so fremd, dass ich weinen möchte. Aber ich kann nicht.
Alles in mir ist erstarrt. Auch das Fühlen.
Ich wünsche mir, sie würde schweigen.
Aber sie redet und es kostet mich Mühe, ihren Worten zu folgen.
Worten, die ich nicht begreifen kann und die mich verunsichern.
Dabei geben mir ihre Worte sonst immer Sicherheit und Halt.
Jetzt jedoch habe ich das Gefühl zu fallen und nichts zu finden, woran ich mich festhalten kann.

Ich weiß nicht, was sie im Augenblick denkt und wie sie sich fühlt, während sie immer wieder die Angstworte ausspricht.
Ich möchte alleine sein.
Mich ganz zurückziehen und unerreichbar sein für alles Außen.
Aber sie sitzt da und redet. Redet viel zu viel und ziemlich durcheinander, obwohl ich möchte, dass sie schweigt. Vielleicht könnte das Schweigen wieder die Nähe schaffen, die mir Halt gibt.

Als wir nach zwei Stunden gemeinsam die Wohnung verlassen, spüre ich beim Abschied zum ersten Mal Erleichterung.
Doch ihre Worte bleiben. Sie verlassen mich nicht, sondern setzen sich ganz tief in meinem Innen-Sein fest. Ich habe Angst, dass die Entscheidung längst über meinen und vielleicht auch über ihren Kopf hinweg getroffen worden ist und Veränderung unausweichlich kommen wird, auch, wenn ich sie nicht will. Nein, ich weiß, dass die Veränderung kommen wird, ob ich damit einverstanden bin oder nicht. Und diese Gewissheit schmerzt, dass ich schreien und mit dem Kopf gegen die Wand rennen möchte, damit der Gedanke an das Bevorstehende verschwindet und die Sicherheit zurückkehrt, die heute morgen noch da war. Eine Sicherheit, in der ich mich gut aufgehoben fühlte und von der ich hoffte, sie würde lange bleiben.

Ich verstehe die Menschen nicht. Verstehe nicht, dass sie ständig Entscheidungen über den Kopf des Anderen treffen, ohne auf dessen Bedürfnisse zu achten, statt ihn in den Entscheidungsprozess mit einzubeziehen.
Vielleicht ist das eine typische Verhaltensweise gegenüber behinderten Menschen, besser zu wissen, was für sie gut ist, als die Betreffenden selber. Ich weiß es nicht.
Ich fühle mich überrannt und in meinem Wünschen missachtet.
Ich will nicht mehr. Will das alles nicht mehr. Will alleine sein. Nicht auf andere angewiesen.
Ich habe Angst. Große Angst.

Ich werde ihnen meine Angst zeigen, damit es eine Chance gibt, dass sie mich verstehen.
Und dass alles so bleiben kann, wie es ist.
Damit die Sicherheit zurückkehrt und die Nähe zu dem Vertrauten, welches mir jetzt schon fehlt, obwohl es noch da ist und ich es auf Grund der tiefen Verunsicherung bloß nicht spüre.

Ich fühle mich hilflos. Hilflos wie ein kleines Kind, dem eine Entscheidung übergestülpt wurde, ohne es vorher nach seinen Bedürfnissen gefragt zu haben.
Aber ich bin kein Kind mehr, sondern eine erwachsene Frau, die nicht möchte, dass andere Menschen glauben, Entscheidungen über ihren Kopf hinweg treffen zu können oder sogar zu müssen, nur weil sie Unterstützung im Alltag benötigt.

Hilfe in Anspruch zu nehmen bedeutet für mich nicht, meine Bedürfnisse der gebotenen Form der Unterstützung anzupassen und sie dadurch wieder in den Hintergrund stellen zu müssen, so, wie ich es seit meiner Kindheit ständig getan habe, nur, um zu funktionieren.
Ich möchte in den Entscheidungsprozess mit einbezogen werden und nein sagen dürfen.
Die Unterstützung sollte den Bedürfnissen der Hilfesuchenden entsprechend individuell gestaltet und angepasst werden – nicht umgekehrt.

Ich bin müde und erschöpft.
Zu müde, um mich auf eine Veränderung einlassen zu können, die mir Vertrautes nimmt.
Ich brauche das Vertraute und die Sicherheit, die daraus resultiert.
Aber im Moment bleiben nur Verunsicherung und Angst.
Und Worte, die nicht mehr aus meinem Kopf gehen.

Sehnsucht nach Stille (2)

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Da ist sie wieder – die Sehnsucht nach Stille.
Einer Stille in mir
die mich endlich von dem permanenten Druck befreit
der auf meinem Innen-Sein liegt
wie eine schwere Last,
die längst unerträglich geworden ist.

Einer Stille in mir
die alle Gedanken weit weg trägt von mir
so dass mein Innen-Sein ganz leicht wird
als würde es schweben
hin zu einem Ort
an dem es kein Außen mehr gibt.

Kein Außen mehr, das ohne zu fragen entscheidet, was gut für mich ist
weil es glaubt, das besser beurteilen zu können.

Kein Außen mehr, das erwartet
dass ich seinen Vorstellungen entsprechend funktioniere
egal, ob ich damit meine Grenzen ständig überschreite
und jeder Schritt schmerzt.

Kein Außen mehr, das mich als unfähig hinstellt
nur weil ich sage, dass ich nicht mehr kann,
dass alles zu viel ist
und mich erdrückt.

Ich will frei sein, endlich frei sein
und für einen kurzen Moment nur
diese Stille spüren in mir.

Vielleicht werde ich ihn eines Tages finden
diesen Ort, an dem es kein Außen mehr gibt
und wo alles Lärmende schweigt
alles Schwere leicht
und alles Graue bunt sein wird.

Ein frohes, neues Jahr

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Was ist das, ein frohes Jahr?
Wie wird es sich anfühlen, ein Jahr, welches mir in den letzten Tagen immer wieder froh  gewünscht worden ist?
Froh und neu sind für mich prinzipiell zwei Eigenschaften, die nicht zusammenpassen.
Alles, was neu ist, birgt Fremdes in sich und löst dadurch Angst, Stress und eine Unruhe aus, die mein Innensein aus dem Gleichgewicht bringt.
Ein Zustand, in dem ich weder Freude noch Froh-sein empfinden kann, selbst, wenn das Neue etwas ist, für das ich mich selber entschieden habe.
Ich brauche Zeit, mich an Neues zu gewöhnen, es mir vertraut zu machen und in meinen Alltag einzuplanen und zu integrieren.
Oftmals überfordert mich Neues, so dass ich es lieber meide und an Bisherigem festhalte.
Bisheriges ist verlässlich und gibt Sicherheit.
Neues hingegen ist immer verbunden mit Ungewissheit und bedeutet eine Abweichung von Routinen, die meinem Alltag die notwendige Struktur geben.
Diese Routinen sind es, die mir Freude machen.
Und die Rituale, die ich in meinen Alltag eingebaut habe, weil sie mir Halt geben.
Sie sind meine Glücksinseln.
Ich bin froh, wenn alles so ist wie immer, wenn es keine Veränderungen gibt und alle Ereignisse eines Tages geplant und vorhersehbar sind.
Auch an diesem Abend vor dem Neuen Jahr.

Ich parke in der gleichen Straße wie in jedem Jahr – dort, wo das Auto vor den Böllern und Raketen geschützt steht.
Es gibt Raclette und dazu im Fernsehen den „Sylvesterpunsch“ und „Dinner for one“ – the same procedure as every year. Ich kann mir kein Sylvester ohne „Miss Sophie“ und „James“ vorstellen. Es fühlt sich gut an, wenn mein Sohn neben mir sitzt und an den gleichen Stellen lacht wie in den Jahren zuvor.
Das sind die Momente, in denen ich entspannen kann und Freude empfinde.

Später, wenn das Zählen der Stunden bis Mitternacht beginnt, steigt die Unruhe in meinem Innensein. Bei jedem Böller schrecke ich zusammen, weil der Lärm plötzlich kommt wie aus dem Nichts und ich mich nicht darauf vorbereiten kann.
Flüchten möchte ich an einen Ort der Stille. Den Jahreswechsel aus sicherer Entfernung erleben ohne den Lärm der Sylvesterknaller, der mir Angst macht.
Die ersten Minuten des neuen Jahres verbringe ich im Hausflur wie ein verschrecktes Tier während mein Sohn aufgeregt auf der Strasse kleine Böller anzündet und sich über das Zischen und farbige Funkensprühen freut.
Fremde gehen an mir vorbei und wünschen mir ein frohes, neues Jahr.
Aber wie kann ich froh sein, wenn so viel Lärm um mich herum ist und Angst durch mein Innensein rast bis meine Hände flattern und mein Kopf zu platzen droht?
Ich wünsche mir einen ruhigen, sicheren Platz an einem geschlossenen Fenster, um das Feuerwerk lautlos betrachten zu können. Ich mag das glitzernde Bunt wie Sternenregen am Himmel, aber vom Hausflur aus kann ich es nicht sehen und hinaus will ich nicht gehen, weil der knallende, zischende Lärm und der Geruch verbrannter Knaller unerträglich für mich sind.

Froh werde ich sein, wenn wir endlich im Wohnzimmer sitzen und von der Neujahrsbrezel essen. Und wenn das Rasen in meinem Innensein langsam aufhört und ich meine Hände wieder ruhig halten kann. Die Brezel gibt mir ein wenig von dem Halt zurück, den ich durch den Lärm der letzen Dreiviertelstunde verloren habe.
Aber noch ist es draußen zu laut, um mich entspannen zu können.
Immer wieder knallt es und ich schrecke zusammen, spüre, dass mein Innensein Stille braucht. Stille, die in den ersten Stunden des neuen Jahres nicht zu finden ist. Zumindest nicht hier, wo ich jetzt bin.

„Ein frohes, neues Jahr.“, wünscht mir mein Vater am Telefon.
Ich freue mich, seine Stimme zu hören, die mir so vertraut ist.
Und Vertrautes ist wichtig, wenn mein Innensein aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Außerdem ist dieser Anruf bei meinem Vater in der ersten Stunde der Neujahrsnacht ein Ritual, welches ich pflege, seit ich von zuhause ausgezogen bin und Sylvester nicht mehr gemeinsam mit ihm verbringe.

„Bis gleich.“, sage ich zum Abschied und würde am liebsten sofort losfahren, um ihn zu sehen und an den Ort zurückzukehren, der mir die größte Sicherheit gibt – das Haus meiner Kindheit.
Ich werde die Stunden zählen bis alles das im neuen Jahr wieder da ist, was mir im alten Jahr wichtig und vertraut war. Darauf freue ich mich. Nicht auf das Neue, das so viel Ungewissheit in sich birgt und mir fremd ist.

Heiligabend – Wenn alles anders ist als sonst

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„Gefallen dir deine Geschenke nicht?“
Doch, sie gefallen mir. Die meisten davon habe ich mir sogar gewünscht.

„Aber du freust dich gar nicht!“
Woher wollen sie wissen, dass ich mich nicht freue?

„Du hast sie dir nicht einmal genau angeschaut.“
Doch das habe ich und ich kann sie ihnen genau in der Reihenfolge aufzählen, in der ich sie ausgepackt und links von mir auf den Tisch gestellt habe. Ich weiß auch noch genau, in welchem Geschenkpapier sie eingepackt waren und welches von den Schleifenbändern, die jetzt auf dem Sessel neben mir verstreut liegen, zu dem jeweiligen Päckchen gehörte.
Alles ist in meinem Kopf gespeichert.
Aber ich muss erst verarbeiten, dass die Dinge, die ich mir gewünscht habe, nun plötzlich da sind und mir gehören. Dass ich sie anfassen und benutzen kann, dass jedes einzelne Geschenk auch Veränderung in meinem Leben bedeutet.
Ich werde einen Platz für sie suchen und meinen gewohnten Lebensraum neu ordnen müssen.
Neues bedeutet immer Veränderung und damit – auch, wenn ich mir die Dinge genauso  gewünscht habe – Stress.
Sie immer und immer wieder in die Hand zu nehmen und anzuschauen, überfordert mich. Das ist zu viel. Zu viel Neues und Fremdes, das mir erst langsam vertraut werden muss.

Ich bin müde und erschöpft, suche in dem Raum nach etwas, das mir vertraut ist.
Aber heute ist vieles fremd. Zu vieles.
Der geschmückte Tannenbaum in der Ecke, die vielen bunten Pakete, deren Verpackung jetzt verstreut im Wohnzimmer liegt, die aufgeregten Stimmen vertrauter Menschen, deren Aussehen und Verhalten heute von den anderen Tagen im Jahr abweicht, der Geruch von Weihnachtsgebäck und frischem Tannengrün.
Wir fahren nicht wie gewohnt, wenn wir sonntags bei meinem Vater sind, um 19 Uhr nach Hause, sondern werden den ganzen Abend bei ihm verbringen.
Es ist nicht einmal Sonntag. Alles weicht von dem sonst so gut strukturierten Alltag ab.

Zum Glück gibt es zum Abendessen wie in jedem Jahr Fondue.
Daran kann ich mich festhalten, weil alles genauso ist wie in den Jahren davor.
Das gleiche Fleisch, die gleichen Saucen, Baguette, die weißen Fondueteller und die dazu gehörenden Gabeln mit braunem Holzgriff, die man wegen der unterschiedlichen Farbpunkte am abgerundeten Griffende einer Person zuordnen und auseinanderhalten kann.

Jeder von uns sitzt an seinem gewohnten Platz.
Die Dinge, die Veränderung in meinen Alltag bringen werden, stehen – ordentlich in Tüten verpackt – vor dem Schrank oder im Flur.
Nur die Geschenke der anderen liegen immer noch überall herum.
Sie stören die Ordnung, die ich mit dem Aufräumen wiederherzustellen versucht habe.
Ich spüre die Anspannung und die Unruhe in meinem Innen-Sein.
Für mich ist es wichtig, dass der Raum – abgesehen vom Tannenbaum in der Ecke und der Krippe auf dem Sideboard – genauso aussieht wie sonst. Vertraut.

„Kind, setz dich hin und lass es uns jetzt gemütlich machen. Den Rest können wir nach dem Essen aufräumen.“
Ich möchte lieber sofort damit beginnen, die letzten Papierreste und Schleifen vom Teppich aufzuheben und in die große Plastiktüte zu werfen, die neben dem Schrank steht.

„Es stört doch niemand.“
Doch, mich stört es, weil mein Blick die Orientierung verliert und keine Ruhe findet, so lange Gegenstände auf dem Teppich liegen, die dort nicht hingehören und Geschenke nicht ordentlich aufgereiht auf dem Schrank stehen oder in Tüten zum Mitnehmen verstaut auf dem Flur.

Aber niemand weiß davon, weil ich noch nie darüber gesprochen habe, wie sehr mich
Veränderungen verunsichern und überfordern, auch dann, wenn ihre Ursache ein positives Ereignis wie das Beschenken zu Weihnachten ist.
Ich bin immer ein unruhiges Kind gewesen, das gerade an solchen Tagen wie Weihnachten nicht still sitzen konnte und gezappelt, mit den Händen wild herum gefuchtelt und viel zu laut und aufgeregt, ununterbrochen geredet hat.
Der Grund dafür war nicht – wie von meinen Eltern angenommen – nur die Aufregung, zu erfahren, was ich geschenkt bekommen würde, sondern auch die Überforderung mit dem Neuen, welches immer Veränderung und Einordnen in das Vertraute bedeutete und bis heute bedeutet.

Weihnachten ist auch immer ein Zuviel an Außeneinwirkung, die das Innen-Sein aus dem Gleichgewicht bringt. Und zu viel Außen bedeutet Stress. Stress, den ich nur in einer vertrauten Umgebung wieder abbauen kann, die aber gerade an diesen Tagen fehlt. An Tagen, an denen beinahe alles anders ist als sonst und nur wenig Gewohntes bleibt, welches Halt gibt und Sicherheit.

23.12.2011 auf Arte: „Du gehst nicht allein“ – Film über Temple Grandin

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Am 23.12.2011 zeigt Arte um 20.15 Uhr den Film „Du gehst nicht allein“, der 2010 in den USA unter dem Originaltitel „Temple Grandin“ erschienen ist.

Ein sehr eindrucksvoller Film über das Leben von Temple Grandin , den ich im Original bereits gesehen habe und allen weiterempfeheln kann, die sich für das Thema „Autismus“ interessieren.
Die Hauptdarstellerin Claire Danes spielt die Rolle der Temple Grandin sehr gut. Ich bin gespannt auf die deutsche Synchronstimme.

Zitat:
Temple Grandin ist besonders: Sie spricht wenig, nur das Nötigste.
Sie erträgt keine körperliche Nähe. Sie nimmt die Dinge um sich herum anders wahr als ihre Mitmenschen. Sie denkt in Bildern, hat ein fotografisches Gedächtnis. Temple Grandin ist Autistin. Als bei ihr die Diagnose gestellt wird, ist dieses Krankheitsbild in den USA der 50er Jahre noch so gut wie unbekannt. Anstatt sie in ein Heim zu geben, erarbeitet ihre Mutter in mühsamer Kleinarbeit nach und nach bestimmte Methoden für den Umgang mit ihrer Tochter.

Ich hoffe, dass der Film in der deutschen Fassung nicht an Prägnanz in den Dialogen verliert.

Wiederholt wird der Film Heiligabend auf Arte um 2.55 Uhr und am 03.01.2012 um 1.15 Uhr.

Achtung!

Es gibt noch eine weitere Wiederholung am Samstag, den 14. Januar 2012 um 15.15 Uhr auf Arte.

Und eine weitere am Samstag, den 04.02.2012 um 01.15 Uhr auf Arte.

Hier ein Ausschnitt aus dem Original:

 

Hier gibt es den Film in voller Länge:

Inklusion und Autismus – wie geht das?

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Erschöpft bin ich vom ständigen Kampf, dazuzugehören.
Noch nie habe ich mich in dieser Welt so fremd gefühlt wie im Augenblick.
Noch nie war mein Bedürfnis so groß, mich von allem zurück zu ziehen in mein Innen-Sein und  für das Außen nicht mehr erreichbar zu sein, welches mich immer mehr unter Druck setzt zu funktionieren.
Ich habe keine Kraft mehr.
Aber dies laut auszusprechen bedeutet, denen Recht zu geben, die Autismus in erster Linie defizitorientiert sehen und der Meinung sind, autistische Menschen könnten kein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben führen, weil ihnen die entsprechende Kompetenz dazu fehlt.
Also muss ich funktionieren, nach Möglichkeit fehlerfrei.
Das bedeutet permanente Anpassung und Kompensierung aller autistischen und auffälligen Verhaltensweisen.
Das ist fast unmöglich, weil gerade in der Erschöpfung autistisches Sein in den Vordergrund tritt.
Doch nur, wenn ich mich dem Sein der Anderen ihren Vorstellungen entsprechend anpasse, gehöre ich zu ihnen, bin ich gesellschaftskonform und werde als Mitglied der Gesellschaft angenommen. Durch Homogenität findet Inklusion automatisch statt.

Unsere Gesellschaft besteht aus einer Vielzahl sozialer Gruppen, die sich in der Regel durch ein hohes Maß an Homogenität auszeichnen.
Aufgenommen in eine dieser Gruppen wird man immer dann sehr schnell und problemlos, wenn man in diese Gruppe z.B. auf Grund eines gemeinsamen Interesses oder Aussehens passt und sich gruppenkonform verhält.
Aufgenommen wird man in der Regel auch dann, wenn man bereit ist, sich einer Gruppe  anzupassen und sich so zu verändern, dass man mit der Gruppe eine homogene Masse bildet.
Gleichheit verschafft Akzeptanz.

Diversität hingegen stößt schnell auf Ablehnung und führt resultierend daraus zu Ausgrenzung. Auch heute, wo das Wort Inklusion täglich präsent in den Medien ist und durch die UN-Konvention zum Recht behinderter Menschen erklärt worden ist.
Inklusion verliert ihren Sinn, wenn das Dazugehören in die Gesellschaft eine permanente  Überforderung mit sich bringt.
Solange die Gesellschaft erwartet, dass sich AutistInnen durch Anpassung und Kompensierung so verhalten wie nichtautistische Menschen, kann Inklusion nicht gelingen.
Leider wird das Scheitern dann häufig einer mangelnden Bereitschaft zur Anpassung und dem fehlenden Willen zum Dazugehörenwollen zugrunde gelegt.

Du hättest dich halt nur ein bisschen mehr anstrengen müssen.

Nein, es kann nicht Ziel einer Inklusion sein, dass sich nur die Menschen, die anders sind, an das bestehende System anzupassen haben, wenn sie dazugehören wollen.
Dazugehörigkeit muss von beiden Seiten ausgehen.
Sie muss ein selbstverständliches Miteinander sein.
Inklusion wird erst dann möglich werden, wenn in den Köpfen der Menschen ein Umdenken stattgefunden hat. Alle Menschen müssen Inklusion leben wollen.
Das bedeutet, dass die Gesellschaft bereit sein muss, Anderssein zu akzeptieren und Heterogenität in einer Gruppe als Normalfall und gewolltes Ziel zu setzen.
Es bringt nichts, wenn man den Menschen Inklusion als Lebensform lediglich überstülpt wie  eine Zwangsjacke, derer sie sich so schnell wie möglich wieder entledigen wollen.
Inklusion darf nicht zu etwas werden, woran am Ende alle scheitern, weil sie damit überfordert sind.

Ich bin erschöpft.
Erschöpft, weil ich immer wieder an den Punkt gerate, wo mein Anderssein und vor allen Dingen das meines Sohnes zu Unverständnis und Ausgrenzung führt.
Zu einem großen Teil liegt das daran, dass Autistischsein nicht sichtbar ist.
Und etwas, das nicht sichtbar ist, existiert in vielen Köpfen nicht und erfährt auf Grund dessen weder Rücksichtnahme noch Akzeptanz.
Niemand wird von einem Rollstuhlfahrer verlangen, dass er die Treppen zu Fuß hinaufgeht, weil sein Anderssein, seine Beeinträchtigung, offensichtlich ist.
Aber von autistischen Menschen wird immer wieder verlangt, dass sie ihre autistischen Verhaltensweisen unterdrücken und sich anpassen, weil man ihnen in der Regel nicht ansieht, dass sie autistisch sind und weil eine Beeinträchtigung immer dann problematisch wird, wenn sie mit Verhaltensauffälligkeiten einhergeht, die oft den Eltern als Ergebnis einer mangelnden Erziehungsfähigkeit zur Last gelegt und nicht als Teil der Autismus-Spektrum-Störung gesehen werden.

Gerade in dem Bereich der Verhaltensauffälligkeiten geraten Menschen schnell an die Grenze, Anderssein zu akzeptieren und fordern Anpassung.

Verhalte dich nichtautistisch und ich werde dich akzeptieren.

Aber genau das verlangt im Alltag ein so enormes Maß an Anpassung, dass man ständig über die eigenen Grenzen hinaus funktionieren muss und längere Phasen braucht, um sich zu erholen und wieder Kraft zu schöpfen. Sind diese Ruhephasen zu kurz oder fallen möglicherweise ganz weg, dann bleibt irgendwann nur noch der Rückzug.

Aber wenn ich mich zurückziehe, funktioniere ich nicht mehr.
Und wenn ich nicht funktioniere, dann gehöre ich nicht mehr dazu.
Dann grenze ich mich durch das Sichzurückziehen selber aus und werde von den anderen auf Grund meiner mangelnden Anpassungs- und Funktionsfähigkeit ausgegrenzt.
Ein Kreislauf also, der wieder zum Anfang zurückkehrt:

Inklusion verliert ihren Sinn, wenn das Dazugehören in die Gesellschaft eine permanente Überforderung mit sich bringt.

Wie kann demnach die Frage beantwortet werden: „Inklusion und Autismus – wie geht das?“
Geht das überhaupt?
Ich bin der Meinung, dass es gehen kann, wenn die entsprechenden Voraussetzungen dafür geschaffen werden und die Inklusion autistischer Menschen nicht ausschließlich auf deren Anpassung an eine nichtautistische Gesellschaft basiert, sondern auf dem Willen, Anderssein zu akzeptieren und als gewünschte Vielfalt innerhalb einer Gruppe zu (er)leben.
Ich hoffe, dass dies nicht nur ein Wunsch bleiben wird.
Denn ich möchte dazugehören.
Aber nicht um jeden Preis.
Der Preis einer permanenten Überforderung durch ein zu großes Maß an Anpassung ist mir zu hoch, weil er mich auf Dauer krank macht und mir die Freude am Leben nimmt.

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